Matthias Andrasch

Menschen vernetzen, Handlungsoptionen eröffnen.

Die Medienpädagogik ist tot. Lang lebe das #Pflichtfachinformatik!

Kompetenzen entwickeln, Beteiligung, kritische Reflexion, demokratische Mitwirkung und Selbstbestimmung fördern, Fakenews erkennen – all das sind gute Ziele, denen sich medienpädagogisch Aktive verschrieben haben und welche politisch breite Unterstützung finden. Aber findet eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Phänomenen und Strukturmerkmalen, den Umbrüchen, den Plattformen und ihren Treibern, den veränderten Bedingungen für Inhalte, dem vermeintlichen Kontrollverlust, dem Skalierungsgedanken, den Teilhabe- und Gleichberechtigungsperspektiven statt?

tl;dr: Gutjahrs tragische Erfahrung der Verunglimpfung und Bedrohung seiner Familie (TEDx Talk) zeigt nur zu gut all die blinden Flecken einer kaum mehr relevanten Disziplin Medienpädagogik auf, welche veränderte Rahmenbedingungen nicht wahrnehmen will oder kann.

Die Antwort: Aus meiner Sicht leider überhaupt nicht. Die Theoretiker*innen und Akteure der Medienpädagogik leben selbst noch ein größtenteils kontrolliertes Leben als akademisch Gebildete und Privilegierte, obwohl die Welt um sie herum den Kontrollverlust bereits erlebt oder zumindest am Horizont spürt. So können sich die Etablierten der Medienpädagogik Anwälte und Therapien leisten, wenn das mit der eigenen Onlinepräsenz irgendwann doch mal schief geht. Für sie ist ein „Besorg dir einen Anwalt und schlag zurück“ ein realistischer Vorschlag – während die wenig Privilegierten alles menschenmögliche dafür geben, nicht in das Schreckensszenario Rechtsstreit verwickelt zu sein. Denn Jura ist nach wie vor vorrangig ein Spielfeld der Reichen und nicht die übliche Selbstverteidigung der jugendlichen Youtuberin mit 200 Follower*innen, welche verunglimpft oder mit ihrem Leben bedroht wird.
„Besorg dir einen Anwalt und schlag zurück“ sowie die frühzeitige Suche nach Therapieangeboten ist genau die Lektion, welche der internetaffine Journalist Richard Gutjahr im Kontext der Angriffe auf ihn und seine Familie durch Verschwörungstheoretiker nun nach einiger Zeit in einem TEDx-Talk vorschlägt. Er beschreibt die persönliche Krise und den Versuch des stillen Aushaltens, während er zuvor omnipräsent auf allen Social-Media-Kanälen sowie im Fernsehen vertreten war. Nun muss er zusehen, wie seine Tochter auf YouTube bedroht wird und seine Frau als Mossad-Agentin beschimpft wird:

Gutjahr legt hierbei den Finger in die klaffende Wunde der Medienpädagogik:

„First be alert. Anyone – i mean it anyone – of you can become a target of conspiracy theory at any time over anything. Yeah it’s it’s not just politicians it’s not just actors or journalists. We all are celebrities online and we’re all facing the same threats“

[…]

„It’s not your fault like there are times when you’re like really miserable really
depressed and you ask yourself what did I do wrong but here’s the thing: It’s nothing that you have done wrong, it’s not about you, it’s about them“

Für mich ist der Punkt erreicht, in dem wir – zumindest Stand jetzt – einen großen Teil der Kontrolle verloren haben (was nicht per se schlecht oder negativ sein muss, es erfordert womöglich aber andere Strategien oder Einmischung auf vielfältigen Ebenen). 2016 habe ich dies versucht im Text „Data Breathrough“ zu skizzieren anhand von kaum zu kalkulierenden Konsequenzen bei Datenauswertungen, Gutjahr beschreibt dies nun prägnanter und eindrucksvoller am Beispiel der persönlichen Diffamierung einer Familie, seiner Familie. Für mich ergibt sich die Frage: Wie können wir (digitale) Teilhabe fordern und fördern, wenn selbst professionelle Akteure wie Richard Gutjahr den Bedingungen im Netz derzeit zu großen Teilen ausgeliefert sind, wenn es wirklich ernst wird? Was sind denn nun Strategievorschläge? Hoffen, dass schon nichts passiert und es andere trifft? Jugendliche, Studierende und andere wenig Privilegierte als „collateral damage“ von medienpädagogischen Aktivitäten – so wie Gutjahrs Familie collateral damage der aufstrebenden Plattformen wurde? Wer ist wirklich da, wenn „shit hits the fan“ wie Gutjahr es beschreibt?

Von Gutjahrs Thesen der rechtlichen Handhabe gegen solche Phänomene oder Rechtsschutzversicherungen, von der Zusammenarbeit mit der Polizei – von all dem habe ich bis jetzt nur sehr, sehr, sehr wenig in den medienpädagogischen Diskussionen um Medienkompetenz und (Jugend-)Beteiligung vernommen.

„Wie wirkt das?“ – ernsthaft?

Insofern ärgert es mich enorm, dass die Frage „Wie wirkt das?“ in der Dagstuhldreieck-Grafik kommentarlos auftaucht. In meinen Augen verleitet diese triviale Darstellung zu der Annahme, dass die Frage nach Wirkungen ebenso einfach wie die Fragen „Wie funktioniert das?“ und “Wie nutze ich das?“ zu beantworten sind:

Ist ernsthaft niemandem aufgefallen, dass schon „Wie könnte das wirken?“ eine bessere Frage für die gesellschaftlich-kulturelle Perspektive gewesen wäre, weil sie eben auch Raum für den Verlust von Kontrolle, für Unbestimmtheit – für eigentlich alles, was in der medienpädagogischen Theorie so hochtrabend besprochen wird, lässt? Wäre diese Frage nicht das Einzige gewesen, was die Informatikdisziplin aus sich heraus nicht in vollem Umfang leisten kann und weshalb sie auf medienpädagogische Perspektiven angewiesen ist? Weil die soziale Welt nun mal nicht mit 1 und 0, mit klarer Ursache-Wirkung funktioniert?

Weil es scheinbar keinem aufgefallen ist und mir erst viel zu spät:
Die Medienpädagogik ist tot. Lang lebe die Pflichtinformatik. das #Pflichtfachinformatik.

Oder mit den Worten von Faber:

Du sollst dir nicht gehören und dich gelegentlich zerstören.

Disclaimer: Es handelt sich um einen subjektiven Rant. Das Dagstuhl-Dreieck als genereller Ansatz und Brücke zwischen Disziplinen sowie die Arbeit aller medienpädagogischen Akteure erachte ich als enorm wichtig für die Gesellschaft, wenngleich sich für mich die Frage stellt ob die Profession(?) trennscharf aufrecht erhalten werden kann. Einen richtungsweisenden Impuls vernahm ich im letzten Jahr von Danah Boyd - Did media literacy fire back?. Es gibt natürlich nicht „die“ Medienpädagogik. Ansonsten komme ich derzeit wenig zum Lesen, war nicht auf der GMK und überhaupt -  Annahmen gerne in den Kommentaren widerlegen bzw. zerstören!

Update: Ich hatte den falschen Hashtag verwendet, #Pflichtfachinformatik ist wohl verbreiteter.
Update: Richard Gutjahr hat in einem Blogartikel noch mal ausführlicher seine Erfahrungen beschrieben und empfiehlt eine Rechtsschutzversicherung.

Diskussionen/Reaktionen zum Text:

  • Kommentar auf Facebook von Thomas Walden:
    „Ich teile Deine Analyse von A – Z. Den Versuch einer „Selbstverteidigung“ gegenüber diesen Umständen hatte Zygmunt Bauman in „Flüchtige Moderne“ mit beinahe prophetischem Blick angekündigt und später in Daten, Drohnen, Disziplin auf die digitale Welt übertragen. Ich halte seine Ideen für einen Umgang mit dem Kontrollverlust für die ein einigermaßen tragfähiges Konstrukt, wenngleich kaum absehbar ist, wie weit es trägt. Übrigens hat Rian Johnson dazu auch gerade ein Statement im Kino abgeliefert. Das kann alles nur heuristisch sein, aber viel mehr Perspektive als eine kurzfristige lässt sich m.E. derzeit nicht entwickeln.“
  • Kritische Erwiderung von Niels als Kommentar (siehe unten)
  • Ausführlicher Kommentar von Dan Verständig (siehe unten)
  • Tweet von Dan Verständig als Antwort auf @Walzenjet:

Diskussion um den Hashtag #Pflichtfachinformatik und Filterblasen:

Diskussion um Learnings und den Kontext Medienkompetenz-Modelle:

Rüdiger Fries verwies auf ein aktuelles GMK-Thesenpapier (unter CC-BY), welches hier kommentiert werden kann: Futurelab Medienpädagogik: Thesenpapier zum Forum 2017

Danke für die bisherigen Rückmeldungen und das Weiterdenken, ich schätze das sehr!

CC0 LogoDieser Rant (Text) ist freigeben unter CC0/Public-Domain. Der Urheber kann bei einer Weiterverwendung gerne optional genannt werden: Matthias Andrasch. Urheberrechtliche Angaben zu Grafiken, Videos oder anderen verwendeten Inhalten finden sich meist direkt bei den jeweiligen Inhalten. Titelbild des Beitrags: Alexas Fotos (CC0/Pixabay).
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