Gibt es Inhalte, die sich auf Servern im Internet befinden, aber nicht weböffentlich sind? Ja natürlich, es gibt doch passwortgeschützte Bereiche, zu denen nur einzelne oder wenige Menschen Zugang haben – z.B. das eigene Facebook-Konto, ein Dropbox-Ordner mit Kolleg*innen, etc. Aber kann diese Annahme der Nichtöffentlichkeit auch auf Inhalten übertragen werden, die großen Gruppen zugänglich gemacht wird?

Nachdenklich gemacht hat mich folgender Tweetaustausch zum Thema „Gefilmte Unterrichtsstunden“, welche für die Lehramtsausbildung als Praxisbeispiele genutzt werden und meiner Laieneinschätzung nach sehr wertvoll sind.
Einerseits wurde auf den Folien empfohlen, dass nur ein Streaming der Videos von hochschuleigenen Plattformen ermöglicht werden soll, aber kein Download. Die Begründung: um das rechtswidrige Weiterverbreiten zu verhindern.

Meine 5 Cents dazu habe ich hierzu in folgendem Video abgegeben:

Was mich eigentlich aber noch viel nachdenklicher gemacht hat, war folgende Einschätzung:

Aus technischer Sicht ergibt sich folgende Situation: Eine Barriere wie ein zugangsbeschränkter Bereich mit Passwort sowie die Freischaltung von Nutzer*innen erschwert die missbräuchliche oder rechtswidrige Verwendung/Verbreitung von geschützten Inhalten. Bei VIU der Uni Münster muss z.B. folgendes Formular ausgefüllt werden, um Zugang zu erhalten:

Online-Formular mit Abfrage einer Stelle, die Identität verifizieren kann

Bei VILLA der Uni Köln müssen Lehrende den Zugang im LMS beantragen, Lehramtsstudierende werden hingehen laut Projektwebseite automatisch für den Videobereich freigeschaltet.

Dies alles sind Maßnahmen, die Dritten den Zugang erschweren – ohne Frage. Für mich bieten sie jedoch keine ausreichende Sicherheit für „hochsensibles Material“ da es Zugangsberechtigungen für eine große Gruppe von Personen sind. Ausschlaggebend ist hierbei: Eine falsche Bewilligung, ein im Netz geklautes Passwort, ein gehacktes E-Mailkonto, eine unsichere WLAN-Nutzung oder ein entwendetes Smartphone einer zugangsberechtigten Person reicht und alle Videos können illegal von einer einzelnen dritten Person kopiert werden. Je größer der Personenkreis, desto größer das Risiko einer illegalen Kopie. Eine Immatrikulation für das Lehramtsstudium reicht zudem ebenfalls aus, um an das „hochsensible Material“ zu gelangen. Sind die Inhalte illegal kopiert, können rechtliche Schritte eingeleitet werden falls das Material irgendwo wieder hochgeladen wird, z.B. bei YouTube – im grenzüberschreitenden Internet kann dies rechtlich aber mitunter sehr kompliziert werden in Einzelfällen (Institutionen sind hier aber keinesfalls machtlos).

Mir stellen sich allerdings folgende Fragen: Ist es eine gute Idee, „hochsensibles Material“ auf diese Weise bereitzustellen? Oder ist das Material vielleicht doch teilweise gar nicht so hochsensibel? Und welche alternativen Strategien gibt es?

Openness by Design?

Eine Idee, die mir im Kopf herumschwirrt ist „Openness by Design“. Eine Kernidee wäre hierbei, dass Inhalte bei solchen Projekten möglichst stets so aufbereitet/produziert werden, dass sie auch ohne Probleme weböffentlich geteilt werden könnten. Openness by Design würde hierbei aber keinen Zwang festschreiben, diese Inhalte auch tatsächlich weböffentlich teilen zu müssen. Aber falls Inhalte später an die Öffentlichkeit gelangen, ist es für alle Beteiligten eben kein Super-GAU.

Somit würden Vorhaben stets unter der Prämisse umgesetzt werden, dass eine totale Zugangskontrolle oder Sicherheit von Inhalten bei großen Gruppen organisatorisch bzw. technisch kaum realisierbar ist und andere Wege gefunden werden müssen. Ich plädiere an dieser Stelle keinesfalls für die Abschaffung der Privatheit oder Privatsphäre, sondern es geht mir um große Gruppen, denen etwas zugänglich gemacht werden soll. Eine Haltung, welche einzig Inhalte auf hochschuleigenen Plattformen als ausreichend abgesichert einstuft, ist in meinen Augen nicht zielführend und verkennt die einfache Kopierbarkeit digitaler Daten. In meinen Augen also eine „Scheinsicherheit“, welche das Weiterdenken an anderen Vorhaben/Projekten potenziell verhindert.

Ein Konzept von „Openness von Design“ im Kontext Unterrichtsvideos des Lehramts müsste also die Frage der Persönlichkeitsrechte und Risiken thematisieren, d.h. die informierte Zustimmung zur Veröffentlichung durch die Kinder/Jugendlichen sowie die Erziehungsberechtigten. Ob die gefilmte Unterrichtseinheiten wirklich so „hochsensibel“ sind, ist schwer für mich zu beurteilen. Dies müsste ein solches Konzept ebenfalls aushandeln. Letztendlich finden ja in den gefilmten Unterrichtsstunden keine tiefgreifenden persönlichen Gespräche statt bzw. können einzelne Szenen, Gesichter oder Stimmen auch nachträglich geschnitten/anonymisiert werden? Alle Beispiele, welche ich gefunden habe, kamen eher unspektakulär daher. Eine Ausdifferenzierung nach Alter erscheint hier außerdem zielführend. Ich habe z.B. von einem EU-Projekt geschnittene Unterrichtsszenen auf Youtube gefunden:

Wenig überraschend finden sich übrigens zahlreiche Unterrichtsszenen-Videos aus den USA auf YouTube im Gegensatz zu den sehr wenigen Beispielen aus dem deutschsprachigen Raum, bspw. vom Massachusetts Department of Elementary and Secondary Education:

Auch im Bereich Medienpädagogik gibt es zahlreiche Videos von der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Manchmal werden hier auch Faschings/Tiermasken zur Anonymisierung von Kindern  eingesetzt, oft findet aber auch keine Anonymisierung statt.

Ich habe hierzu noch kein abgeschlossenes Konzept, jedoch könnte aus meiner Sicht durch „Openness by Design“ vor allem der Wissens- und Erfahrungstransfer im Lehramt gestärkt werden wenn Unterrichtsvideos nicht mehr nur sehr begrenzt an einzelnen Hochschulen verfügbar sind sondern ein weböffentliches Konzept erarbeitet wird. Zudem würde eine solche Diskussion potenziell Möglichkeitsräume erschließen, sodass Lehrer*innen auch eigeninitiativ eigene Unterrichtsbeispiele mit der Welt teilen können unter Beachtung der Rechte von Lernenden und den „Openness by Design“-Prinzipien. An den technischen Möglichkeiten mangelt es hierbei definitiv nicht.

Solche Vorhaben wären vor allem im Lehramt in Deutschland in Bezug auf Digitale Medien relevant, da Lehrer*innen oft die Praxisbeispiele zu Unterrichtsszenarien mit Internetnutzung/Medieneinsatz fehlen (Disclaimer: Hören-Sagen, zuletzt auf dem #educampX gehört). Teilweise auch dadurch bedingt, dass keine Vorbilder im eigenen Kollegium zu finden sind bzw. auch der offene Einblick in den Unterricht der Kolleg*innen oft noch eine Seltenheit ist an deutschen Schulen. Das Problem: Bei YouTube finden sich vor allem massenhaft kurze Medienberichte, aber keine Einblicke in längere Sequenzen oder den Aufbau von Unterrichtsstunden mit Medieneinsatz, welche als Vorlage für den eigenen Unterricht dienen könnten:

Ob Lehrer*innen von Angeboten wie ViU Kenntnis haben, wäre eine spannende Forschungsfrage für mich im Kontext der selbstständigen Weiterbildung.

Ein kleiner Hoffnungskeim für mich wäre zudem, dass veraltete Vorstellung der Allgemeinheit über den heutigen Unterricht entkräftet werden könnten. Problematisch bei der Diskussion um schulische Bildung ist ja stets, dass viele Menschen basierend auf eigenen Frontalunterrichtserfahrungen an den Debatten teilnehmen – während an vielen deutschen Schulen schon ganz anders, oft deutlich offener, empathischer und mit Medieneinsatz unterrichtet wird. Aber woher soll man davon Kenntnis erlangen, wenn das heutige  Schulsystem weiterhin vielen eher als Blackbox erscheint.

Anknüpfungspunkte für ein solches Konzept lassen sich eventuell auch hier finden (via friedelitis):

Disclaimer: Ich bin kein Experte für die Lehramtsausbildung sowie für das Filmen von Unterrichtseinheiten, welches vielleicht gar nicht so wertvoll ist wie ich annehme 😉 Dieser Artikel ist zudem ein erster Gedankenentwurf. Ich plädiere keinesfalls für das unreflektierte Aufzeichnen und Veröffentlichen jeglichen Unterrichts an Schulen. Anregungen und kritisches Feedback ist sehr gerne gesehen, vielen Dank im Voraus!

Der Beitrag wurde inspiriert von Vorträgen von oncampus, die sich für eine urheberrechtssensible OER-by-default-Produktion bei Videos für Onlinekurse stark machen – selbst wenn später kein OER daraus entsteht. Eine nachträgliche Bearbeitung hin zur Offenheit ist meistens nämlich kaum zu leisten, wenn Urheberrechte oder Persönlichkeitsrechte bei der Produktion nicht bereits beachtet oder geklärt wurden.

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