Alle reden über vernetzte Bildung und Bildung 4.0. Aber was könnte das genau sein? Eine kleine Praxishilfe für Mitarbeiter*innen sowie Entscheider*innen im Hochschulbereich, um zu überprüfen in welchem Stadium sich ihre Bildungsangebote sowie ihre technische Infrastruktur befindet:


Kurzfassung:

  1. 0 Kann eine Lehrende Seminarsitzungen aus einem Kurs von einer Kollegin einfach und schnell kopieren an derselben Hochschule?
  2. 0 Kann eine Lehrende Seminarsitzungen aus einem Kurs von einer Kollegin einer anderen Hochschule (im selben Bundesland) einfach und schnell kopieren?
  3. 0 Kann eine Lehrende Seminarsitzungen aus einem Kurs von einer Kollegin einer anderen Hochschule,welche sich nicht im selben Bundesland befindet, einfach und schnell kopieren?
  4. 0 Kann eine Lehrende Seminarsitzungen aus einem Kurs von einer Kollegin einer anderen Hochschule, welche sich nicht im selben Nationalstaat befindet, einfach und schnell kopieren?

Frau mit bunten Fingernägeln und Laptop sowie Smartphone, eine Hand an der KaffeetasseBildung 4.0 ist, wenn das Teilen von Seminarsitzungen für Kolleg*innen so einfach und schnell möglich ist wie das Teilen eines Fotos bei WhatsApp: Einhändig für Lehrende zu erledigen während man noch am Kaffee schlürft. 

Langfassung:

Sibylle und Leyla haben sich vor einiger Zeit auf einer Fachtagung kennen und schätzen gelernt. Sibylle lehrt inzwischen schon seit mehreren Jahren im Studiengang Erziehungswissenschaften an der Universität zu Köln, Leyla hat nun ebenfalls einen Lehrauftrag an der Uni Köln ergattern können.

Leyla erkundigt sich vorab bei der etwas erfahreneren Sybille, welche Herausforderungen auf sie zukommen könnten. Sybille sieht diese vorallem darin, dass es Studierenden im Bachelor besonders schwerfällt quantitative Studien und die dahinterliegenden statistischen Modelle grundlegend zu überblicken. Sybille hat über die Jahre hierzu drei Seminarsitzungen für den Einstieg konzeptioniert, welche ihrer Ansicht nach inzwischen gut funktionieren und viel Raum für Fragen der Studierenden bieten. Sie nutzt dafür auch einige interaktive Inhalte im Lernmanagementsystem der Hochschule, welche sie hierfür erstellt hat. Sybille würde sich freuen, wenn Leyla von ihrer mühsamen Arbeit ebenfalls profitieren könnte.

Bildung 1.0: Seminarsitzungen kopieren an derselben Hochschule

Fast jede Hochschule besitzt inzwischen ein zentrales Lernmanagementsystem, in welchem die Inhalte der Kurse (Skript, Präsentation, etc.) für Studierende hinterlegt werden. Beispiele für LMS sind Moodle, ILIAS, Stud.IP, etc.

Leyla würde sich also gerne die drei Seminarsitzungen aus dem Onlinekurs von Sybille in ihren anstehenden Kurs für das nächste Semester kopieren.

Bildung 1.0 ist erreicht, wenn das Vorhaben der Nachnutzung an derselben Hochschule, d.h. im selben System, einfach und schnell möglich ist für Leyla. Leyla kann die Inhalte nun selbst noch anpassen für ihre Studierenden, muss aber nicht alles per Hand in ihren Kurs kopieren. 

Auflistung von Kapiteln

Beispielfoto einer Sitzungsübersicht in einem Lernmanagemtsystem (Moodle) aus dem diggiLL-Kurs „Geomedien“, CC BY-SA 4.0-Lizenz. Prof. Dr. Inga Gryl für die Universität Duisburg-Essen.

Kursübersicht bei ILIAS: Auflistung meiner Kurse

Beispiel: Übersicht für Lehrende im ILIAS-Lernmanagementsystem an der Universität Köln (eigener Screenshot, nicht unter freier Lizenz)

Bildung 2.0: Seminarsitzungen kopieren von einer Hochschule zur anderen (im selben Bundesland)

Leyla ist inzwischen an eine andere Hochschule in NRW gewechselt. Sie hat sich auf das Thema „Künstliche Intelligenz und Statistik“ spezialisiert. Ein Thema, welches Sybille auch gern mal an der Universität zu Köln ausprobieren würde. Leyla bietet ihr an, dass sie sich die betreffenden Sitzungen aus ihrem Seminar gerne kopieren und anpassen kann.

Bildung 2.0 ist erreicht, wenn das Vorhaben der Nachnutzung hochschulübergreifend möglich ist, d.h. also auch potenziell systemübergreifend zwischen verschiedenen Lernmanagementsystemen. Um die Hürde nicht zu hoch zu legen, ist Bildung 2.0 erreicht wenn das Kopieren innerhalb aller Hochschulen eines Bundeslandes einfach und schnell ermöglicht wird. 

Bildung 3.0: Seminarsitzungen bundeslandübergreifend kopieren

Sybille zieht es an die Universität Magdeburg. Wieder wollen die beiden Kursinhalte austauschen, diesmal also sogar über Bundeslandgrenzen hinweg.

Bildung 3.0 ist erreicht, wenn das Vorhaben der Nachnutzung hochschulübergreifend sowie bundeslandübergreifend einfach und schnell für Lehrende möglich ist. 

Bildung 4.0: Weltweites Kopieren

Nun zieht es die beiden in die weite Welt: Leyla lehrt in Polen, Sybille hat einen Lehrauftrag in Kapstadt. Inzwischen bieten die beiden ihre Kurse auch als Open Educational Resource unter freier Lizenz öffentlich im Internet an, sodass sie jede*r frei kopieren, verändern oder übersetzen kann für seine eigene Lehre und seine Studierendengruppen.

Bildung 4.0 ist erreicht, wenn das Nachnutzen von Lehrinhalten einfach und schnell weltweit möglich ist für Lehrende. 

Was wäre nötig für das einfache und schnelle Kopieren?

Technische Funktionen und Standards für den Austausch der Sitzungsinhalte spielen eine Rolle, hier sind die Entwickler*innen und Open-Source-Communities der Lernmanagementsysteme gefordert – Entwicklungsvorhaben müssen aber ebenso finanziert werden, dies kann auch durch staatliche Stellen oder Hochschulen geschehen. Im besten Falle profitieren alle davon, wenn diese Funktionen wieder für alle frei zur Verfügung gestellt werden („Public Money, Public Code“).
Das offene Autorenwerkzeug h5p.org für interaktive Inhalte ist ein Praxisbeispiel, bei welchem Inhalte bereits jetzt über verschiedene Systeme hinweg genutzt werden können.

Eine weitere große Herausforderung ist das Urheberrecht, welches spezifisch für Nationalstaaten gilt. Freie Creative Commons Lizenzen sind hier eine Möglichkeit, um auch weltweit Inhalte einfach und schnell unter bestimmten Bedingungen teilen zu können. Diese Debatte wird unter dem Schlagwort „Open Educational Resources“ geführt – siehe hierzu u.a. „Was ist OER“ oder „MS OER – eine interaktive Bildungsreise“.
Diese freien Lizenzen werden bereits in der Realität für Kurse genutzt, z.B. beim Portal „OPEN RUB“ der Ruhr-Universität Bochum sowie dem digiLL-Projekt. Hier ist allerdings nur das Einsehen bisher möglich, nicht das einfache und schnelle Kopieren der Kurse. Lehrende müssen aktuell jeden einzelnen Inhalt per Hand kopieren, wenn sie die Kurse nachnutzen und verändern wollen.

Einen umfangreichen Horizont für Bildung 4.0 können die 5R sein (deutsche Übersetzung 5V):

  1. Retain – the right to make, own, and control copies of the content (e.g., download, duplicate, store, and manage)
  2. Reuse – the right to use the content in a wide range of ways (e.g., in a class, in a study group, on a website, in a video)
  3. Revise – the right to adapt, adjust, modify, or alter the content itself (e.g., translate the content into another language)
  4. Remix – the right to combine the original or revised content with other material to create something new (e.g., incorporate the content into a mashup)
  5. Redistribute – the right to share copies of the original content, your revisions, or your remixes with others (e.g., give a copy of the content to a friend)

Eine Steuerung und politischer Willen seitens der Entscheider*innen ist aber natürlich ebenso wichtig, sowohl auf Länder- als auch Bundesebene.

Dieser Entwurf behandelt nur die Ebene des Lehr/Lernmaterials sowie der didaktischen Gestaltung – ein umfangreiches Konzept von Bildung 4.0 muss natürlich deutlich mehr leisten (falls man sich überhaupt auf das „4.0“-Begriffsspiel einlassen möchte ;-))

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