Matthias Andrasch

Menschen vernetzen, Handlungsoptionen eröffnen.

„Digitale“ Bildung, Offenheit und die Ebenen der Kritik

Kommunikation auf Twitter kann extrem schnell sein: Kaum ist ein Tweet geschrieben, kann es schon zahlreiche Kommentare und Erwiderungen geben. Tweets können starke Impulse sein, die Menschen und ihre Denkweisen herausfordern. Auch ich beteilige mich ab und zu an solchen Diskussionen, weil ich vor allem Rückfragen für erkenntnisreich halte. Twitter zwingt Diskutierende durch das 140-Zeichenlimit zu Prägnanz und Verkürzung – das ist ein alter Hut. Der spezifische Kontext, in welchem ein Tweet geäußert wird, bleibt hierbei oft auf der Strecke. Auch kann die Verkürzung dazu führen, dass für Differenzheit meist kein Platz bleibt (Alternativen sind nur sogenannte Threads oder die nachfolgende Diskussion unter dem Tweet). Diese Rahmenbedingungen können zu Unmut auf mehreren Seiten führen, wenn auf unterschiedlichen Ebenen diskutiert wird. Ein Beispiel aus der Twitterpraxis.

H5P und didaktische Offenheit

Mediendidaktiker Axel Krommer veröffentlichte folgenden Impuls:

Mit dem Hashtag #H5P verweist er auf das relative junge Projekt h5p.org, welche interaktive Lerninhalte einfach erstellbar und teilbar anbieten möchte und Open-Source-Prinzipien folgt. Ich hielt die Kritik von Axel Krommer auf den ersten Blick für – trommelwirbel 😉 – undifferenziert und verkürzt. Auf welcher Ebene verstand ich die Kritik?

Ebene der Autorensysteme / Software

Die Tweetkritik ordnete ich in eine Diskussion um Autorensysteme und Software im Kontext der Debatte um „digitale“ Bildung ein. Für mich ist hierbei der Status Quo zu beachten: Es gibt eine Menge Material, was Lehrende in Hochschulen im LMS beerdigen (sogenannte Content-Silos) oder welches im Kontext Schule mit illegalen Dropboxsammlungen geteilt wird. Fakt ist: Material wird erstellt und geteilt. H5P als Open-Source-Werkzeug möchte diese Inhaltserstellung einfacher gestalten und auch über LMS-Grenzen hinweg ermöglichen. So kann ein Inhalt einfach exportiert und wieder importiert werden. Zudem legt das Projekt Wert auf Barrierefreiheit, nutzt den Webstandard HTML5 und integriert Creative-Commons-Lizenzen.

H5P ist derzeit als Autorensystem also von der Projekstruktur her deutlich offener als Kahoot, Adobe Captivate, Learningsnacks & Co., welche allesamt keine Anpassung ermöglichen – in H5P können eigene Inhaltstypen programmiert und ergänzt werden. Diese Offenheit im Sinne von Open-Source wird immer wieder von pädagogischen Akteuren gefordert, wenn es um Software in Schule oder Hochschule geht.

Das Projekt bietet derzeit außerdem vielfältige Inhaltstypen an, Krommer zielt vor allem auf die Quiz-Komponenten ab – die Kritik hielt ich daher für verkürzt:

Das Hinterfragen und Kritisieren von interaktiven Quizzes finde ich vollkommen gerechtfertigt und wichtig, es ist aus meiner Sicht aber in gewisser Weise unfair und undifferenziert gegenüber dem H5P-Projekt als Ganzes, welches mehr als die Quizkomponente ist. Ich bin hier persönlich befangen, weil ich das große OER-Potenzial in H5P sehe im Bereich der gegenwärtigen Praktiken des Lehrens. Diese gegenwärtigen Praktiken sollten unbedingt kritisch hinterfragt werden, werden sich aus meiner Sicht aber kaum zeitnah ändern. Die LMS an Hochschulen werden sehr langsam und behutsam geöffnet derzeit (siehe OpenRUB), Schulen warten noch auf Bildungsclouds. Viele Lehrende wollen zudem derzeit (interaktive) Inhalte erstellen. Durch das offene Teilen und die Veränderungsmöglichkeiten bei Inhalten via H5P bietet sich meiner Ansicht nach ein großes Potenzial für Reflexion, Kritik und Verbesserung von Lehre oder Lehrinhalten, welche vorher so kaum möglich war. Christian Spannagel äußerte einen ähnlichen Gedankengang erst kürzlich in der Debatte um Flipped Classroom:

Eher wäre für mich dahingehend eine Kritik an Autorensystemen statt auf Ebene der Autorensysteme zielführend, denn wie die meisten Autorensysteme, die im Bereich E-Learning schon ewig im Einsatz sind, kann H5P derzeit nur das Selbstlernen bedienen. D.h. eine Lernende setzt sich mit einem vorab gestalteten Inhalt auseinander. H5P setzt hier nur einen bereits vorhandenen Bedarf an und setzt diesen offener um in Bezug auf die Programmierung. Krommer aber sucht nach offenen Formaten, nicht offenen Projekten:

Diese Suche führt auf eine ganz andere Ebene aus meiner Sicht:

Ebene der Technik und Didaktik

Ein Autorensystem für Selbstlerninhalte, was H5P derzeit rein faktisch ist, kann per se diese Anforderung der Offenheit gar nicht erfüllen (als einzelnes Element auf einer Webseite). Wenn es keine User-User-Kommunikationsmöglichkeit gibt, dann werden Inhalte immer auf vorgefertigten Pfaden ablaufen. Jemand legt immer einen Pfad fest, ob kleinteilig als Autor in einem Autorensystem für ein kleines Quiz oder als Programmiererin, welche einen Algorithmus für dynamische Lernpfade auf Plattformen wie Khan Academy entwickelt. Selbst eine Zufallszahl wird durch die Vorgaben von Programmierer*innen vorbestimmt. Daher erschließt es sich für mich nicht, wie etwas „didaktisch offen“ sein soll, was auf Grund der technischen Beschränkung nicht realisierbar ist. Künftige Entwicklungen im Bereich KI könnten eine solche Offenheit unter Umständen ermöglichen, aber dies ist derzeit eben noch Zukunftsmusik. Selbst hier werden Vorbedingungen oder Datenmaterial durch Entwickler*innen vordefiniert.

Computer funktionieren strukturell bedingt zudem mit dem Prinzip Eingabe-Ausgabe-Verarbeitung (EVA), nur User-zu-User-Interaktion kann dieses Prinzip aushebeln. Das Verhältnis von Technik/Medien und Didaktik in einer mediatisierten Welt sollte ebenfalls beachtet werden – didaktisch realisierbar ist (unter digitalen Bedingungen) nur das, was technisch überhaupt abbildbar ist?

Auf welcher Ebene wird diskutiert?

Stellt sich also die Frage, auf welcher Ebene hier tatsächlich diskutiert wurde? Ging es um eine generelle Kritik an Autorensystemen und Selbstlerninhalten, um eine spezifische Kritik an der Programmierung von H5P oder um einen kritischen Ausblick auf etwas, was technisch noch realisiert werden müsste? Der Gegenstand und die Ebene der Kritik war für mich persönlich nicht klar ersichtlich.

Im Blogpost „Lob der negativen Kritik“, der einige Tage nach der Diskussion um H5P veröffentlicht wurde, stellt Krommer vollkommen berechtigt fest, dass Kritiker nicht alles besser können müssen. Zudem beschreibt er, „dass ‚Kritik‘ auch bedeuten kann, die Grenzen und Schranken eines Gegenstandsbereichs auszuloten“ und dass diese Kritik ebenfalls konstruktiv sein kann, ohne konkrete Alternativen zu einem kritisierten Gegenstandsbereich aufzeigen zu müssen. Krommer schlussfolgert:

Schon aus diesem Grund sind Formen negativer Kritik, die begründet darlegen, wie Bildung unter den Bedingungen der Digitalität nicht aussieht, wertvolle Beiträge zur aktuellen Debatte.

Für mich besteht hierbei allerdings das große Risiko, dass Kritik möglicherweise im luftleeren Raum stattfindet. Eine Begründung in Bezug auf die Bedingungen der Digitalität, welche Krommer erwähnt,  konnte ich zumindest im Tweetverlauf nicht identifizieren. Daher fragte ich Axel Krommer auch mehrfach nach Beispielen, um abzuklären, ob ein solches System bzw. offenes Lernarrangement im „digitalen Raum“ aus Sicht Krommers bereits existiert bzw. umgesetzt wurde, worauf ich leider noch keine nicht direkt eine Antwort bekam (Update: Konkretes Beispiel siehe weiter unten).

Für mich ist diese Antwort aber immens wichtig, da sie den Modus der negativen Kritik sowie die Ebene der Kritik transparent macht und Rückschlüsse darauf zulässt, ob rein theoretisch oder auch mit Bezug auf Umsetzbarkeit/Praxis unter digitalen Bedingungen diskutiert wird. Weiterhin wird somit ersichtlich, ob H5P beispielsweise nach Vorstellungen Krommers verändert werden könnte (wenn man auf einer Gestaltungsebene denkt).

Bitte nicht falsch verstehen! Negative Kritik, wie Krommer sie beschreibt, halte ich durchaus für zielführend. Es könnte in meinen Augen allerdings hilfreich sein, diese als solche transparent zu machen und somit klar anzugeben, ob Alternativen aus Sicht des Autors existieren, (gemeinsam) entwickelt werden müssen oder ob man nach solchen noch nicht gesucht hat bzw. diese Diskussion vorerst ausklammern möchte im Sinne einer negativen Kritik. Sonst breitet sich potenziell Unzufriedenheit bei Diskussionen aus. Dies ist zumindest meine Vermutung, die auch im Tweet von Christian Schett deutlich wird:

Update 4. Oktober 2017: Über einen kurzen, konstruktiven Austausch auf Twitter schickte mir Axel Krommer folgendes Beispiel: Text-Bild-Collage – Wandrers Nachtlied II (Ein Gleiches) (Die Musterlösung ist hierbei nur eine von vielen möglichen Lösungen). Ein ausführlicher Blogpost von Axel Krommer hierzu folgt. Danke für die Ergänzung!

Offenheit weiterdiskutieren

Über eine weiterführende Diskussion um Offenheit, Didaktik und Technik würde ich mich sehr freuen, da ich diese für immens wichtig erachte! Audrey Watters verweist in „The History of Ed-Tech: What Went Wrong?“ z.B. ebenfalls darauf, dass Skinner und Thorndike die Wurzeln für Ed-Tech bereits sehr früh im Bildungssystem mit ihren Untersuchungen legten – und nicht etwa Deweys Projektorientierung maßgeblich war.

Danke an Axel Krommer für den Impuls zur Diskussion!

Eine Beteiligungsmöglichkeit zum Weiterdenken von H5P findet sich übrigens im H5P-Forum: Competitive/Cooperative learning with H5P?

Creative Commons Lizenzvertrag Gerne weiterverwenden! Dieser Artikel (Text) ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. Der Urheber soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Matthias Andrasch. Urheberrechtliche Angaben zu Grafiken, Videos oder anderen verwendeten Inhalten finden sich meist direkt bei den jeweiligen Inhalten. Titelbild des Beitrags:
« »

© 2017 Matthias Andrasch. Theme von Anders Norén.