Matthias Andrasch

Menschen vernetzen, Handlungsoptionen eröffnen.

„Digitale Bildung“ in Deutschland – das skaliert nicht?

Tolle Folge des „Bildung Technik Zukunft“-Podcasts mit dem praxiserfahrenen Richard Heinen und der großen Frage, warum das nicht so einfach ist, Digitale Bildung* an Schulen zu bringen (bzw. bundesweit auszurollen):

BZT Podcast-Episode 039: Bring doch dein Gerät selber mit

Mich erinnert die Folge spontan an den Satz „Das skaliert nicht“, welcher u.a. aus dem Startup-Bereich stammt. Der Satz wird benutzt, wenn Geschäftsmodelle nicht einfach in die Breite ausgeweitet werden können. Die Seite fuer-gruender.de beschreibt Skalierbarkeit so:

„Im betriebswirtschaftlichen Sinne steht die Skalierbarkeit für eine spezielle Eigenschaft einer Geschäftsidee bzw. eines Geschäftsmodells. Die entscheidende Frage ist, ob beim jeweiligen Geschäftsmodell der Umsatz signifikant gesteigert werden kann, ohne dass größere Investitionen – außer den Startinvestitionen natürlich – notwendig sind. Interessant ist die Skalierbarkeit deshalb, weil auf diese Weise bei steigendem Umsatz die Marge vergrößert werden kann.“

Im folgenden wird dort auch die Hürde in Realität beschrieben:

„In der Realität ist dies jedoch oft schwierig. Insbesondere bei „normalen“ Existenzgründungen ist oft die Skalierbarkeit nicht gegeben, da man entweder stark an einen Standort gebunden ist – z.B. ist eine Bäckerei stark an den jeweiligen Standort und die im Umkreis vorhanden Kunden gebunden – oder von der eigenen Arbeitszeit abhängt – so kann z.B. ein Berater nicht viel mehr als 40 bis maximal 50 Stunden pro Woche arbeiten.“

Skaliert „Digitale Bildung“?

Was ergibt sich also, wenn man „Digitale Bildung“* mal (grob vereinfacht) als Geschäftsidee denkt?
Mit der Startup-Brille gesehen hat man da eine sehr gute Idee, die für alle Schulen in Deutschland (die Kunden) interessant ist. Die Idee löst das Problem, dass derzeitige Schüler*innen nicht fit genug für eine mediatisierte Welt sind, wenn sie die Schule abschließen. Bedarf ist also da, in diesem Punkt sind sich – spätestens seit 2016 😉 – ebenfalls eine Vielzahl von Akteuren aus ganz unterschiedlichen Bereichen (sowie dahinterstehenden Motiven) einig.

Problem identifiziert, Bedarf erkannt, Lösung entwickelt – nun muss eine Geschäftsidee und somit das Produkt aber auch real funktionieren, um erfolgreich zu sein. Die Funktion des Produktes „Digitalen Bildung“ wäre ja, sehr vereinfacht gesagt, Schüler*innen bspw. verstärkt in den 4Ks „Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken“ zu fördern und sie mit höheren Kompetenzen als bisher aus der Schule zu entlassen (über die Messbarkeit kann man streiten).

Wo liegt nun das Skalierungsproblem? Ich denke mal negativ: Trotz eines noch so guten Komplettpakets für den Anfang (Internetleitung, Geräte, pädagogischen Konzepte, Fortbildungen, etc.) zersplittert das bundesweit-gedachte Produkt „Digitale Bildung“ schnell an den einzelnen, kleinen Organisationseinheiten „Schule“ und funktioniert in den meisten Fällen einfach nicht wie erhofft. Die Startinvestition im obigen Sinne der Skalierbarkeit reicht also nicht aus, weil die Bemühungen bspw. nicht die angepeilte Wirkung auf Lehrer*innen und Schulleitungen haben, die angeschaffte Technik nur von einigen Wenigen benutzt wird, Austauschprojekte zwischen Schulen nicht nachhaltig weiterverfolgt werden, pädagogische Konzepte nicht angepasst werden, etc. etc. – im Podcast werden einige der Hürde ausführlich beschrieben, die in der Schule bzw. den Schulen vor Ort auftreten können. Kurz gesagt: „Digitale Bildung“* setzt sich nicht bundesweit an Schulen durch trotz großer Bemühungen.

Dejan Mihajlovic hat sich in seinem Blog ebenfalls zur kritischen Masse der digitalen Bildung Gedanken gemacht und u.a. die verschiedenen Ebenen (Kommunale Ebene, Landes- und Bundesebene) aufgeschlüsselt:

Aufschlüsselung von Veranstaltungen nach Ebene (Grafik)

Grafik von Dejan Mihajlovic, CC BY-ShareAlike 4.0

Letztendlich geht es hier ja meiner Meinung nach auch vorrangig um das Problem der Skalierbarkeit. Im Netz finden sich viele weitere Beispiele, Erfahrungen und Ideen hierzu.
Mir drängt sich deshalb oft die Frage auf, ob in der jetzigen Struktur von schulischer Bildung sowie der anderen Rahmenbedingungen großflächige und umfangreiche Vorhaben für „Digitale Bildung“* überhaupt umsetzbar sind?

Strukturelle Hürden? Jahrelang bekannt?

Einen möglichen Beleg dafür lieferte mir Martin Hüppe, Geschäftsführer Bündnis Für Bildung e.V. sowie des Didacta Verbandes. Er stellte auf der Konferenz Digitaler Bildungspakt (#besserlernen) im November 2016 mehrere kritische Punkte in Bezug auf die Struktur des Bildungssystems vor, basierend auf seiner 20jährigen Erfahrung. In der nachfolgenden kleinen Talkrunde meldete ich kurz zurück, dass ich eine Veröffentlichung seiner Erfahrungen und Thesen in medialer Form (Blogbeitrag, Podcast, etc.) sehr hilfreich fände. Meine Begründung: Als Studierender im Bereich der Bildung fängt man oft bei Null an und bringt – wie ich selbst – den naiven Wunsch ins Studium mit, einfach mal das Bildungssystem zu verbessern. Da wären seine Thesen sicher hilfreich. Bezeichnenderweise habe ich nun seine Ausführungen nirgends online wiedergefunden, nur dieser aussagekräftige Tweet hat die Konferenz überlebt (Anfrage bzgl. der Folien läuft per Mail seit dem 6.3.2017 an den Didacta-Verband):

Rechtliche (Remix-)Hürden?

Für mich ist außerdem immer wieder fraglich, wie die Förderung von Kompetenzen wie kollaborativem / kreativen Arbeiten oder anderen digital-vernetzten Lernformen überhaupt möglich sein soll, wenn man OER bzw. freie Lizenzen nicht als default-Option oder zumindest als elementare Voraussetzung für einige digital-unterstützte Lern- und Arbeitsformen begreift:

Hinzukommt, dass ich noch nicht viel Enthusias- oder Aktivismus in der Breite sehe, wenn es um die nötigen rechtlichen Rahmenbedingungen im Kontext von Urheberrecht und Bildung geht, sodass nicht mehr ständig die Gefahr einer Abmahnung diskutiert werden muss. Für mich ist das die größte Hürde in Bezug auf mein Verständnis von „vernetztem Lernen“.  Relevant ist hier vor allem der Entwurf zum Urheberrecht in der Wissensgesellschaft, mit dem ich mich leider noch nicht intensiv auseinander gesetzt habe. Eine erste Einschätzung findet sich bei irights: Entwurf zum Urheberrecht in der Wissensgesellschaft: Respekt – aber Respekt ist nicht alles. Ob hier allerdings schließlich mehr in Richtung Remix-Kultur oder Fair-Use wie in den USA möglich sein wird, muss sich zeigen. Die Reaktion von kleinen und mittleren Verlagen in Deutschland in Bezug auf Universitäten und Hochschulen lässt hier ebenfalls viel Widerstand vermuten, siehe Erklärbar zu publikationsfreiheit.de.

In dem Sinne: Das skaliert (derzeit) nicht(?/.)

Was meint ihr? Passender oder hinkender Vergleich mit Skalierbarkeit? Ich bin auf weitere Meinungen gespannt!

Disclaimer I: Mein Startup- und BWL-Wissen rangiert ungefähr auf „Die Höhle der Löwen“-Zuschauerniveau 😉
Disclaimer II: Spontane und nicht abgeschlossene Gedanken.

* „Digitale Bildung“ wurde bewusst in Anführungszeichen geschrieben. Der Begriff ist meiner Einschätzung nach äußert kritisch zu sehen und meist undifferenziert, dahinter kann sich eine große Bandbreite von unterschiedlichen Vorstellungen von Bildung verbergen. Kritische Auseinandersetzung u.a. von Lisa Rosa hier.

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