Twitter ist per se kein Ort zum Kuscheln und zum freundlichen Austausch. Je nach Gestaltung der eigenen Timeline kann es ein solcher Ort sein, aber generell ist es für mich eher das größte Experiment geisteswissenschaftlichen Arbeitens, das die Welt je gesehen hat. Warum sehe ich das so? Und was hat es mit den Debatten im Kontext „Digitaler Bildung“ zu tun?

Das größte Projekt der Geisteswissenschaften

Für mich liegt der Grund in der Struktur von Twitter.

Tweets erfordern Interpretationen

Beweisstück A: Ein Tweet von Christian Lindner.

Um mit diesem Tweet interagieren zu können, muss ich mir als User folgende Frage stellen: Was will uns der Tweet-Autor damit sagen? 

Die Aufgabe der Interpretation erinnert somit stark an Gedichtinterpretationen oder Textanalysen in der Schule. Man könnte hierfür ebenfalls das Vier-Ohren-Modell bemühen. Nun existieren aber statt der Musterlösung der Lehrerin sowie den Erklärungsversuchen der Mitschüler*innen potenziell tausend mögliche Interpretationen, die alle ihren eigenen Diskussionsstrang ausbilden können (und sich ggf. auch über mehrere Medienkanäle verstreuen, z.B. Nachrichtenseiten – Suche nach „Tweet“).

Mögliche Interpretationen als Diskussionstränge

Beweisstück B: Ein Retweet von Anja Reschke. Die Journalistin macht beispielsweise ihren eigenen Interpretationsstrang auf zum oben genannten Tweet, Kategorie „Potenziell hämische Aussage“:

Strukturell befeuert wird diese Praktik durch die technische Möglichkeit, die eigene Interpretation als Kommentar im Retweet verfassen zu können. Dies kommt einer Zitierung im geisteswissenschaftlichen Kontext gleich:

Kommentarfeld beim Retweet

Twitter: Ein riesiges Annotationstool für Mikroveröffentlichungen

Im Grunde werden auf Twitter also Mikroveröffentlichungen annotiert, so wie man es auch in der Hochschule im Kontext wissenschaftlichen Arbeitens in den Geisteswissenschaften erlernt. Diese werden aber direkt öffentlich geteilt und nicht erst lokal verfasst.

Der Unterschied zu bisherigen Texten in der Geisteswissenschaft ist, dass die erstellten Werke mit 140/280 Zeichen relativ wenig Gesamtkontext bieten und ohne Audio/Videoaufzeichnung eines Statements wenig Rückschluss auf Emotionen, Ironie, Humor, etc. möglich ist – letzteres trifft ebenso für die Geisteswissenschaften und die dort untersuchten Texte zu.

Auf Grund der Kürze werden also zum Teil hellseherische Fähigkeiten nötig, um Tweets korrekt zu interpretieren. Wobei zu klären wäre, was „korrekt“ überhaupt in diesem Kontext bedeutet – im Sinne der Autor*innen, den Empfänger*innen des Tweets, der Gesellschaft allgemein? Hier liegt meiner Ansicht nach die Krux: Problematisch oder konflikthaft wird es nämlich oft dann, wenn auf absolute Wahrheiten gepocht wird. Hier kommen in den Geisteswissenschaften die Philosoph*innen ins Spiel:

Die Grenzen von Twitter im Kontext der Bildungsdebatten

Wo liegen die Grenzen dieses geisteswissenschaftlichen Experiment Twitter, vor allem in Bezug auf Debatten um Bildung? Hier beobachte ich in letzter Zeit öfter Interpretationsgefechte um Tweets, an einigen bin ich auch selbst beteiligt (#Glashaus 😉 ), bei manchen werden zudem erklärende Blogbeiträge im Nachhinein veröffentlicht.

Emotionsfreiheit? Guidelines/Standards? Konsens?

Bildungsdebatten auf Twitter können meiner Einschätzung nach sehr fruchtbar sein, hier z.B. der sehr offene Erfahrungsbericht des Lehrers Christian Wettke.

Aber Twitter bietet eben auch riesiges Potenzial für Missverständnisse und Konflikte auf Interpretationsebene. Oft geht es um Kritik, Ergänzungen, Erwiderungen, Widerlegungen, in Frage stellen, Korrigieren – Twitter ist eher der Rotstift des Lehrers als ein freundlicher Stuhlkreis.

In den Geisteswissenschaften wird klassischerweise Wert auf Objektivität und somit auf das Ausblenden von eigenen Emotionen oder Vorannahmen bei der Interpretation gelegt – dies wird ebenfalls beim Verfassen von Veröffentlichungen als Maßstab angelegt. Auf Twitter treffen nun vielfältige Akteure aus Gesellschaft, Politik, Wissenschaft, Bildung mit unterschiedlichen Rollen, Perspektiven (und Launen) aufeinander, welche potenziell unterschiedliche Vorstellungen von Interpretations- und Kommunikationsregeln haben. Es gibt keine Übereinkunft, dass Emotionen keine Rolle spielen sollten. Ebensowenig gibt es keine Übereinkunft, wie freundlich/konstruktiv/offen der Dialog stattfinden sollte, welchen Maßstäben/Zielen er folgt, ob Kritik als Ressource verstanden wird, etc. (Soziale Praktiken und Konventionen bilden sich natürlich unumgänglich trotzdem aus, sind aber oft nicht transparent). Konflikte sind somit – im wahrsten Sinne des Wortes – vorprogrammiert.

Eine Frage, die für mich weiterhin offen ist: Bildet sich in solch teils massenhaften und ausgefransten Diskussionssträngen ein Konsens heraus wie im obigen Video beschrieben? Oder befindet man sich bei manchen Debatten womöglich im Hamsterrad oder könnte seine Zeit sogar besser verbringen? Anhaltspunkte kann man z.B. bei Lisa Rosa oder Felix Schaumburg finden, die schon etwas länger an Bildungsdebatten auf Twitter beteiligt sind:

Twitter – was solls

Lose Zusammenkünfte vs. „echte“(?) Communities

Für mich ist dieser offene und vielfältige Modus der Kommunikation trotz allem höchstspannend, die Grenzen sollten aber unbedingt beachtet werden, wenn es z.B. um den Aufbau von Communities geht (oder um das eigene Seelenheil ;-)). Eine Anlaufstelle über einen Hashtag (siehe Ausführungen zu Query bei Michael Seemann) wie #DigitaleBildung, #edupnx, #zeitgemäßeBildung, #eduBayern zu setzen ist vergleichsweise einfach. Das lose Zusammenbringen mehrerer Menschen ist keine Herausforderung mehr, das ist ein Merkmal unserer vernetzten Welt. Ethan Zuckerman beschrieb das für mich sehr eindrücklich auf der Republica 2015 (ab 12:00):

That what’s happening is that it’s getting so much easier these days to build protests. We go on Facebook, we go on Twitter, we live stream it on Ustream or on Periscope, we have all this ability to draw people out and bring them to be part of our movement. What we don’t have is any of the hard work we used to have to do trying to get those people to settle their differences before they go […] Leaders used to be afraid of fifty thousand people in the streets because that meant huge amounts of organizing behind the scenes now even a million people in the streets doesn’t necessarily scare a government because they know how quickly it can come together now…“

Die Hervorhebung sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen.

In früher eher üblichen  Strukturen wie Online-Foren gab es beispielsweise Moderator*innen, FAQs sowie Community-Regeln, die von Einzelpersonen oder einer Gruppe gemeinsam festgelegt wurden: Wer dagegen verstieß, diese also nicht anerkennen wollte, wurde ausgeschlossen. Auf Twitter kann nur der einzelne Nutzer andere Profile individuell blockieren bzw. das Unternehmen Personen von der gesamten Plattform ausschließen. Das ist ein wichtiger struktureller Unterschied, die harte Arbeit der Übereinkunft/Einigung über einen Gegenstandsbereich und Regeln einer Community entfällt somit in den meisten Fällen. Es geht mir hier nicht um „schlechter“ oder „besser“, hier kommt es stark auf den Kontext an. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Onlinecommunities geht historisch bis auf die Usenet-Zeiten zurück, per se also keine neue Diskussion, die Masse der User ist das neuartige Merkmal.

Es geht bei aller Offenheit auch  – und das finde ich extrem wichtig – um Exklusion. Ich kann nur immer wieder auf die Antrittsvorlesung von Leonhard Dobusch hinweisen, in welcher die Kehrseite von grenzenloser Offenheit am Beispiel der Historie der Wikipedia-Gemeinschaft mehr als deutlich wird:

Schließlich geht die radikale Offenheit der Wikipedia auch mit einer Offenheit für exkludierende Kommunikation einher. Oder, wie es Valerie Aurora an Hand des Beispiels von Open-Source-Gemeinschaften auf den Punkt gebracht hat:

„Wenn Deine Gruppe aus neun hilfreichen und höflichen Mitgliedern und einem unhöflichen, sexistischen und lauten Mitglied besteht, dann werden die meisten Frauen wegen dieses einen Mitglieds fernbleiben.“ (meine Übersetzung)

Wenn man jetzt versucht, die Gründe für Exklusion in Wikipedia systematisch zu ordnen, dann gibt es einige Gründe, die eher gesamtgesellschaftliche Strukturen widerspiegeln, und es gibt Gründe, die stärker Wikipedia-spezifisch sind.

Twitter ist für solche Exklusionseffekte sehr anfällig aus meiner Sicht.

Netzpflicht für Bildungsvisionäre?

Twitter oder andere offene Plattformen sind für mich in dem Sinne kein Allheilmittel, wenn es um Veränderungsprozesse oder Debatten in der Gesellschaft in Bezug auf Bildung geht. Twitter ist derzeit eine durch die Anzahl der Nutzer*innen potenziell mächtige Plattform. Das Mitdiskutieren auf Twitter oder anderswo im Netz aber sehe ich – aus den im Artikel genannten Gründen – keineswegs als Grundvoraussetzung an, da dies nur eine von vielen möglichen Handlungsoptionen im Kontext der Bildungsdebatten für mich ist. Ich betone dies hier explizit, weil ich dazu einen konstruktiven Austausch mit Dejan begonnen habe:

In einer von Medien durchdrungenen (mediatisierten) Welt ist eine normative Messlatte von „Im Netz stattfinden“ für mich nicht zielführend (Auch wenn ich den Ansatzpunkt der Kritik persönlich nachvollziehen kann und mir beispielsweise mehr Entscheidungsträger*innen aus dem Bildungsbereich auf Twitter wünschen würde bzw. Lehramtsstudierende dazu einlade/motiviere, um über den örtlichen  Tellerrand hinaus zu schauen). Es widerspricht (inzwischen) aber meinen Vorstellungen von Vielfalt, Teilhabe sowie Lernen und Lehren in einer vernetzen Welt, in welcher die Nicht-Präsenz im Netz kein Ausschlusskriterium sein darf. Akteure/Personen zu Offenheit, Partizipation und zur Teilhabe aufzufordern/zu motivieren, finde ich vollkommen nachvollziehbar. Jemandem aber die Kompetenz abzusprechen wegen der Nicht-Präsenz finde ich sehr schwierig und geht für mich in die komplett falsche Richtung. Aktives „Stattfinden im Netz“ ist für mich ein Privileg.

Mögliche Perspektiven für Bildungsdebatten?

Warum denke ich inzwischen so? Vor einigen Jahren hätte ich vielleicht auch noch die verpflichtende Teilhabe im Netz gefordert, z.B. von Professor*innen an Hochschulen, sodass sie selber sehen, erfahren und verstehen, was Kommunikation/Kollaboration im Netz bedeutet und wie mächtig diese sein kann. Einfach aus dem Grund, weil ich diese – für mich großartige und gewinnbringende – Erfahrung sowohl im Bereich Medienbildung auf Twitter als auch im Open-Source-Bereich gemacht habe. Die Gefahr ist aber groß, die eigenen Erfahrungen zu überhöhen und gedanklich zum Standard zu erheben. Erst später merkte ich, dass das System Hochschule z.B. den Profs kaum Zeit einräumt, um ihre Lehre zeitgemäß zu gestalten – wie kann ich da dann z.B. noch Twitteraktivität verpflichtend einfordern vom Einzelnen?

Inzwischen geht es mir eher darum, passende/wirkungsvolle Konzepte zu entwickeln, Anreize zu schaffen, gute Begründungen und Beispiele zu finden, sodass Akteure im Bildungsbereich ihren eigenen (Vernetzungs-)Wege finden können, so sie denn wollen und können.

Eine Möglichkeit, Bildung und netzbasierte Formen in diesem Sinn als Konzept zusammenzubringen, ist das Modell Connected Learning, mit welchem ich mich seit wenigen Jahren beschäftige. Dieses bezieht verschiedene Lernsettings ganz selbstverständlich mit ein, hebt (digitale) Potenziale hervor, definiert „online“ aber nicht als Grundkriterium für das (zeitgemäße) Lernen von Kinder und Jugendlichen:

Connected learning is when someone is pursuing a personal interest with the support of peers, mentors and caring adults, and in ways that open up opportunities for them.

In den Prinzipien von Connected Learning geht es u.a. um „Shared Purpose“, also gemeinsame Ziele und das Nutzen verschiedener Settings und Plattformen („Openly Networked“).

Solche offenen Ansätze und Modelle würde ich mir in der deutschsprachigen Debatte um (Digitale) Bildung öfter wünschen, ganz gleich in welcher Form, an welchem Ort oder auf welcher Plattform.

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