Die offenen Strukturen zur Beteiligung im Netz haben in letzter Zeit deutlich ihre Schattenseiten gezeigt. Trotz allem bin ich weiterhin immer wieder begeistert davon, welche positiven Vernetzungsbeispiele sich ergeben können: Kristin Narr, Medienpädagogin und Vorstandsmitglied der GMK, greift in ihrem Gastbeitrag für das bpb-Projekt „Digitale Bildung in der Praxis“ meinen kritischen Data Breakthrough-Text auf und stellt nachfolgend ein neues Selbstverständnis von Medienpädagogik zur Diskussion: Technik, Kritik, Methodik – Herausforderungen an Medienpädagogik heute.

Ich möchte kurz beschreiben, warum mich das besonders freut und wie ich ihren Vorschlag einordne. Für mich ist das besonders schön, weil…

  • der „Data Breakthrough“-Text, den ich selbst online publiziert habe, für den mich niemand offiziell beauftragt oder bezahlt hat, das Ziel eines kritischen Impulses erreicht hat
  • ich beim Verfassen des Textes lediglich Masterstudierender und wissenschaftliche Hilfskraft war, also mit dem Titel Bachelor of Arts etwas in diesem Internet publiziert habe 😉
  • offene Beteiligungsstrukturen im Netz (Facebook-Gruppe Medienpädagogik, Twitter, Blogs) oder offene Veranstaltungen wie die Barcamp-Reihe Educamp, auf dem ich den Text ebenfalls vorgestellt habe, solche kritischen Impulse auch ohne große Barrieren möglich machen (also eine Ergänzung zu Tagungen, klassischen Printpublikationen und den damit verbundenen Einreichungsverfahren darstellen)

Außerdem zeigt es in meinen Augen, dass die „Medienpädagogik-Community“ in Deutschland, wenn man sie so nennen möchte, eben kein geschlossener Kreis alteingesessener Etablierter ist, sondern kritische Impulse in vielfältigen Formen eingebracht sowie diskutiert werden können. Das ist für mich ein gutes Zeichen dafür, dass eine Disziplin noch funktioniert, lebt, sich weiterentwickeln möchte – und dass sich jede*r potenziell aktiv einbringen kann in die aktuellen medienpädagogischen Diskurse.
(Disclaimer: Kristin Narr kenne ich persönlich aus dem Arbeitskontext, aber auch andere „etablierte“ Personen, die ich nicht persönlich kenne, haben mir zum Text offenes und produktives Feedback gegeben.).

Wie aber soll es weitergehen mit den Medienpädagog*innen im deutschsprachigen Raum?

Weiterentwicklung der Medienpädagogik?

Der „Data Breakthrough“-Text sollte letztes Jahr bewusst den Finger in die Wunde drücken: Wenn man technische Entwicklungen wie Big Data oder allgemein die fortschreitende Einbindung des Internets in den Alltag näher betrachtet, dann ist für mich klar, dass bisherige Konzepte in der Medienpädagogik weiter- oder neuentwickelt werden müssen. Um ein einfaches Beispiel zu nennen: Ein damaliger Fernseher mit 30 verfügbaren Kanälen ist für mich etwas gänzlich anderes als ein für Nutzer*innen dynamisch zusammengestelltes Videoangebot in der Youtube-App auf dem Smartphone, in welches vielfältige Daten einfließen, man selbst Inhalte erstellen kann und in welchem vielfältige Interaktionsdaten erhoben werden.

Nutzen oder nicht nutzen? Was sagt die Medienpädagogin?

Der Text entstand auch aus der Beobachtung heraus, dass Medienpädagoginnen und Medienpädagogen von außen(!) oft als allwissende Expert*innen gesehen werden. Hier wurde ich etwas missverstanden, da einige Pädagog*innen zurückgemeldet haben, dass sie sich selber nie so sehen oder beschreiben würden. Mir ging es vorrangig um die Erwartungshaltung: Ein einfaches Beispiel sind Elternabende oder andere Veranstaltungen, bei denen Medienpädagog*innen vordergründig eingeladen werden, um als ausgewiesene Expert*innen Fragen wie „WhatsApp nutzen – ja oder nein?“ zu beantworten oder allgemeingültige Regeln für die Zeit am Bildschirm oder für Soziale Netzwerke zu verkünden. Nach wie vor stehe ich dem Konzept der Datensparsamkeit, welches aus meiner Beobachtung oft und gerne von Medienpädagog*innen im Kontext von Big Data herangezogen wird, weiterhin sehr kritisch gegenüber (eine ausführliche Begründung folgt in Kürze hier).
Um das „alter Fernseher vs. Youtube-App“-Beispiel wieder aufzugreifen: Wer sich bei einer Fernsehsendung bewirbt, einem Offenen Kanal ein Video schickt oder Reporter*innen ein Interview auf der Straße gibt, konnte früher relativ leicht kalkulieren, was danach passiert bzw. passieren könnte. Welche Konsequenzen ein schnell hochgeladenes Video auf Youtube kurz- oder langfristig hat? An dieser Fragestellung kann man sehr schön die Komplexität herausarbeiten, mit der wir heute umgeben sind. Eine „Lieber nicht hochladen“-Haltung verschließt eben auch die vielfältigen positiven Konsequenzen, die möglich sind, z.B. wenn jemand einen produktiven Kommentar oder Feedback als Kommentar hinterlässt.

Die Medienpädagogik als Vermittlerin verstehen?

Für mich hat es einen radikalen Bruch gegeben, den ich versucht habe als „Data Breakthrough“ zu beschreiben. Für mich erfordert dieser Bruch, dass sehr viele Konzepte und Strategien neu gedacht bzw. kritisch überprüft werden müssen in der Medienpädagogik. Das war mein offener und etwas provokativer Aufruf (da ich keinerlei Detailkritik an Konzepten oder Theorien geäußert habe). Eine meiner abschließenden Fragen im Text war folgende: „Sollten Medienpädagoginnen und Medienpädagogen mehr Fragen stellen, als Antworten geben?

Kristin Narr beantwortet diese Frage in ihrem Beitrag mit einer Vermittlerposition, in die sich Medienpädagog*innen mit einem neuen Selbstverständnis begeben sollten:

Die Medienpädagogik ist eine offene Disziplin, für die interdisziplinäre Zugänge und Bezüge sehr wichtig sind. Dazu gehören auch technische Fragestellungen, ganz besonders im Diskurs über die Herausforderungen der „Datafizierung“. Aber auch die Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen, etwa mit der Informatik zur Stärkung der medienpädagogischen und der informatischen Grundbildung, zählen dazu.

Die Medienpädagogik sollte viel deutlicher in Erscheinung treten. Sie hat das Potenzial, eine Vermittlungsposition zwischen der Dateninfrastruktur, den Menschen und der damit verbundenen Gestaltung der Gesellschaft einzunehmen. Sie bringt dafür die notwendige kritische Haltung mit, da sie die Sammlung und Verarbeitung von Daten nicht verharmlost und immer wieder deutlich macht, dass diese Daten unmittelbar mit unserer Person in Verbindung stehen. Als Vermittlerin wäre sie als gesellschaftliche Stellschraube in der Lage, die Transparenz und Offenheit von den Anwendungen einzufordern, für alle zu übersetzen, andere zu befähigen, mitzugestalten sowie alte und neue Konzepte (weiter) zu entwickeln und umzusetzen.

Schwieriger, aber wichtiger Spagat?

Was vielleicht relativ leicht klingt, kann ein schwieriger Spagat werden, den ich aber als sehr lohnenswert einschätze:Vermittler*innen stellen mehr Fragen als dass sie unmittelbar Antworten geben müssen. Vermittler*innen tauschen sich mit mehreren Seiten aus, ohne sich komplett vereinnahmen zu lassen.
So kann der Austausch z.B. mit Datenschutzbeauftragten stattfinden. Als echte Vermittler*innen müssten Medienpädagog*innen aber eben auch mit den Informatiker*innen, Entwickler*innen oder Entscheider*innen der großen Internet- und Technologiekonzerne wie Google und Facebook kommunizieren und sogar zusammenarbeiten, um aktuelle Entwicklungen wie Machine Learning und deren mögliche Konsequenzen sowie praktische Anwendungsgebiete grundlegend verstehen und vermittelnd begleiten zu können. Ansonsten führt man einen Kampf gegen Windmühlen, wenn man nur unrealistische Forderungen wie „überprüfbare Algorithmen“ von Unternehmen einfordert, welche gerne von Datenschutzbeauftragten geäußert werden. Ich bin Oliver Tacke sehr dankbar für seinen Kommentar zum Data Breakthrough Text, den ich in diesem Kontext nur immer wieder unterstreichen kann:

Da du in die Richtung “Maschinenlernen/künstliche Intelligenz” ja noch weiter denken möchtest (und ich gerne mit, wozu mache ich gerade eine Fortbildung zu dem Thema 🙂 ):

“Oft ist die genaue Funktionsweise von Algorithmen zudem Spekulation, da Unternehmen wie Google, Amazon und Facebook diese aus Wettbewerbsgründen nicht vollständig offen legen”

An diversen Stellen könnten dir Google&Co. sogar ihre Algorithmen präsentieren, und du wärst trotzdem nicht schlauer. Wenn beispielsweise Inhalte oder Personen klassifiziert werden, können dahinter Algorithmen stecken, die man heute dem Maschinenlernen zurechnet. Selbst wenn der Quelltext dafür offengelegt würde, könntest du damit ohne die Parameter zum Einstellen wenig anfangen. Die sind ausschlaggebend dafür, was der Algorithmus ausspuckt.

Nun könnte man natürlich sagen: “Nehmen wir die Parameter halt auch noch mit!” Selbst das hilft nicht zwingend weiter. Bei neuronalen Netzen kannst du die genaue Konfiguration inklusive der Abläufe für die Aktualisierung auf deiner Mikroebene kennen, aber dennoch nicht unbedingt ohne Weiteres vorhersagen, was auf der Makroebene passiert oder nach einem Aktualisierungsschritt passieren wird. Das Herauszufinden muss nicht unmöglich und kann je nach Szenario einfach sein, kann aber ebenso gut einen wirklich erheblichen Aufwand erfordern. Das Schlagwort Emergenz fällt mir hier ein. Du deutest das mit AlphaGo ja auch bereits selbst an.

Kurzum: Die Konsequenzen von Tun oder Unterlassen vorherzusagen, könnte noch schwieriger sein, als du es ohnehin schon beschreibst.

Eine Medienpädagogik, die nach Kristin Narr viel deutlicher in Erscheinung tritt, eine kritische Haltung mitbringt und „eine Vermittlungsposition zwischen der Dateninfrastruktur, den Menschen und der damit verbundenen Gestaltung der Gesellschaft [einnimmt]“ erscheint für mich umso wichtiger, wenn man bspw. auf die aktuelle dargelegten Vision von Facebook als Global Community blickt.

Ich freue mich sehr auf die Diskussion über diese mögliche Rolle der Medienpädagogik! (Kommentare am besten direkt unter dem bpb-Artikel oder in der Facebook-Gruppe Medienpädagogik hinterlassen)

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