Matthias Andrasch

Menschen vernetzen, Handlungsoptionen eröffnen.

Sind die Modelle der Medienkompetenz noch zeitgemäß?

Heute ist Tag der Medienkompetenz in Landtag NRW. Ich erachte den Medienkompetenz-Begriff und die verschiedenen Medienkompetenz-Modelle als wichtige Meilensteine, da sie über das reine Bedienen von Technik (Funktionswissen) weit hinausgehen. Trotzdem stelle ich mir gerade heute die Frage: Sind die Modelle der Medienkompetenz noch zeitgemäß?

1. Diese Frage hatte ich zum einen (etwas sehr provokativ) im Beitrag Der Data Breakthrough – Du und die Medienpädagogik in der digitalen Krise? (v0.1) aufgeworfen und versucht zu begründen. Nach einigen Diskussionen auf Barcamps und Konferenzen, im persönlichen Umfeld sowie im Netz beschäftigt mich die Frage immer noch. Denn die Konzepte der eigenen Datensparsamkeit sowie der Verantwortung des Einzelnen für die Konsequenzen seiner Mediennutzung bzw. seines Medienhandelns stoßen aus meiner Ansicht nach immer öfter an die Grenzen der aktuellen Entwicklungen der Datenanalyse (Big Data, Künstliche Intelligenz, Machine Learning, Learning Analytics, usw.) und die damit kaum kalkulierbaren Konsequenzen in der Zukunft. Eine Diskussion über von Entwickler*innen stark beeinflusste Algorithmen allein greift zu kurz, im Hintergrund wird bei Diensten wie Facebook längst Machine Learning Technologie eingesetzt – und hier ergeben sich ganz neue Problemfelder wie der Kommentar von Oliver Tacke zum Beitrag zeigt:

Da du in die Richtung “Maschinenlernen/künstliche Intelligenz” ja noch weiter denken möchtest […]:

“Oft ist die genaue Funktionsweise von Algorithmen zudem Spekulation, da Unternehmen wie Google, Amazon und Facebook diese aus Wettbewerbsgründen nicht vollständig offen legen”

An diversen Stellen könnten dir Google&Co. sogar ihre Algorithmen präsentieren, und du wärst trotzdem nicht schlauer. Wenn beispielsweise Inhalte oder Personen klassifiziert werden, können dahinter Algorithmen stecken, die man heute dem Maschinenlernen zurechnet. Selbst wenn der Quelltext dafür offengelegt würde, könntest du damit ohne die Parameter zum Einstellen wenig anfangen. Die sind ausschlaggebend dafür, was der Algorithmus ausspuckt.

Nun könnte man natürlich sagen: “Nehmen wir die Parameter halt auch noch mit!” Selbst das hilft nicht zwingend weiter. Bei neuronalen Netzen kannst du die genaue Konfiguration inklusive der Abläufe für die Aktualisierung auf deiner Mikroebene kennen, aber dennoch nicht unbedingt ohne Weiteres vorhersagen, was auf der Makroebene passiert oder nach einem Aktualisierungsschritt passieren wird. Das Herauszufinden muss nicht unmöglich und kann je nach Szenario einfach sein, kann aber ebenso gut einen wirklich erheblichen Aufwand erfordern. Das Schlagwort Emergenz fällt mir hier ein. Du deutest das mit AlphaGo ja auch bereits selbst an.

Kurzum: Die Konsequenzen von Tun oder Unterlassen vorherzusagen, könnte noch schwieriger sein, als du es ohnehin schon beschreibst.

2. Auch in den Sozialen Netzwerken erlebe ich derzeit einen bedeutsamen Wandel, denn der Social Media Stream auf Facebook und vor allem der Dienst Youtube wird bzw. ist vor allem für jüngere Informationsquelle Nr. 1. Weniger beachtet, aber ebenso wichtig für mich: Es vernetzten sich relevante Bevölkerungsanteile einer Stadt nun völlig selbstverständlich in Facebook-Gruppen (Das, was lange prophezeit, teilweise romantisiert und sogar explizit gewünscht wurde, hat jetzt die kritische Masse erreicht – alle schreiben ins Netz!). Einen ersten Deutungsversuch des Phänomens habe ich hier unternommen: Dorfkneipe der Millionenstadt? Ortsbezogene Facebook-Gruppen und das Näherrücken an Gewalttaten. Wenn ich derzeitige Diskussionen über Hatespeech, Youtube und Co verfolge, habe ich persönlich wenig Hoffnung, dass solche Phänomene der sozialen Vernetzung bei den Debatten und Strategiepapieren rund um Medienkompetenz, Digitale Bildung bzw. Bildung 4.0 ausreichend Beachtung finden – schlicht und einfach mangels eigener, persönlicher Erfahrungen in dem Bereich der Entscheider*innen (These!).
Was meine ich konkret damit? Ein Beispiel: Wie soll soziale Kommunikation und Vernetzung medienkompetent erlernt werden, wenn Lehrerinnen und Lehrer derzeit nicht einmal datenschutzfreundliche Messenger-Dienste wie Signal oder Telegram mit ihren Schülerinnen und Schülern einsetzen dürfen? Der Einsatz bestehender Dienste wie Whatsapp ist nicht erlaubt (es gibt in der Tat gute Gründe dafür, aber ebenso spricht der Bezug zur Lebenswelt für ein Überdenken von solchen Verboten), aber Alternativen gibt es ebenso nicht für Lehrer*innen, die ihre Schüler*innen auf eine vernetzte Welt vorbereiten wollen (Meines Wissens sind auch keine geplant). Eine Welt, in welcher höchstwahrscheinlich die meisten Unternehmen statt E-Mails auf Messenger-Apps und Social Media Intranetdienste setzen werden? Eine Welt, in der wohl noch mehr über Social Media kommuniziert wird?

Am besten beschreibt den Default-Modus derzeit wohl dieses Zitat, welches ich in einer Facebook-Gruppe zu Medien im Schulkontext von einer Lehrerin aufgeschnappt und vertwittert habe (aus rechtlichen Gründen nenne ich den Namen nicht, da selbst diese indirekte Aufforderung an Schüler*innen wohl rechtlich kritisch zu sehen ist, wie im Diskussionsverlauf deutlich wurde):

Und wie offener gefragt: Welches Ziel hat man im Auge? Will man Kinder und Jugendliche eigentlich überhaupt zu Stream Smarts machen? Gut, Schule ist das eine – was ist mit Berufsschulen und Hochschulen? Könnte die Hochschule ein solches, aktualisiertes Bild der Auseinandersetzung mit Literatur integrieren oder überhaupt im derzeitigen System akzeptieren, wie es hier aufgeworfen wird:

12/ For most people, the smartest way to „read“ Piketty is to read the dozens of expert reviews/summaries and participate in online conversations about inequality.

Ein Vorgehen, bei dem zwangsweise im Netz auch mit populistischen Inhalten konfrontiert wird. Wie also reagieren? Die Wissenschaftler*innen stehen diesem Populismus im Netz aus meiner Sicht derzeit in der Gesamtheit eher ratlos gegenüber, denn das Wissenschaftssystem setzte bzw. setzt trotz World Wide Web weiter auf Tageszeitungen, Radio und Rundfunk, wenn es um die Kommunikation der Ergebnisse an Bürger*innen geht. Die Kommunikation an Hochschulen läuft größtenteils intern im Learn Management System ab, gut abgeschirmt vom Lärm in den Sozialen Netzwerken (auch hierfür gibt es teilweise gute Gründe, aber ebenso gute, die für eine Öffnung in bestimmten Bereichen sprechen). Ein bisschen Frust von der Seele geschrieben habe ich mir auf meinem Zweitblog: Fake-News, Postfaktisch & mehr? Wie reagiert die Wissenschaft? Lars Fischer fasst das sehr treffend so zusammen:

Wie es um die Berufsschulen steht, kann ich nicht einschätzen – gerne in den Kommentaren ergänzen!

Gute Vorsätze für 2017?

Mein Ziel ist es nicht, Entscheider*innen bzw. Wissenschaftler*innen zu bashen wegen mangelnder Kenntnisse im Bereich Social Media oder Big Data. Das ist für mich auch keine Frage des Alters (der höchste Zuwachs bei Internetnutzung findet sich derzeit bei Zielgruppe 60+), sondern eher eine Frage des persönlichen Erfahrungshorizonts und der Ressourcen, die man für die Auseinandersetzung mit Phänomenen im Bereich Social Media oder den sich ständig überschlagenden technischen Innovationsmeldungen hat.
Insofern würde ich gerne (produktiv) die Frage in den Raum werfen, inwiefern das hier Beschriebene adressiert und bearbeitet wird? Und ob genug Personen mit einbezogen werden, die nah genug dran sind an den aktuellen Entwicklungen und die Zeit haben oder die Zeit und die Mittel bekommen, um sich damit zu beschäftigen? Wer sind diese Personen eigentlich, welches Profil ist nötig?

Und schlussendlich geht es für mich um die Frage, ob und – falls ja – inwiefern Modelle der Medienkompetenz ein Update benötigen?

In dem Sinne: Einen schönen Tag der Medienkompetenz! 🙂

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