Der Data Breakthrough kann nicht genau datiert werden. Er bezeichnet für mich den Zeitpunkt, ab welchem die Datenerhebung sowie die Analyse von Daten allgegenwärtig wurde und eine enorme Bedeutung erlangte. Es ist der Zeitpunkt, ab welchem die Daten die Begrenzungswand der stationären Computer durchbrachen und die ganze Welt mit einer neuen Verbindungsschicht, einem neuen Daten-Layer überzogen haben. Die Daten sind nun frei. Sie entstehen auf etliche Weisen. Und sie können analysiert werden. Hiermit ergeben sich neue Möglichkeiten, die aber andere, eher ungewohnte Denkweisen erfordern.
Mit diesem Durchbruch, den ich Data Breakthrough nenne, sind zudem einige Konsequenzen verbunden, die meiner Ansicht nach in der Medienpädagogik sowie in anderen Bildungsbereichen noch nicht ausreichend beachtet werden. Diese Konsequenzen versuche ich in diesem Textentwurf erstmals zu beschreiben und zu erfassen. Ich freue mich sehr über Kritk und Feedback!

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Der Text ist neben der Verfügbarkeit im Blog (siehe unten) zusätzlich in diesen Formaten abrufbar:


Der Data Breakthrough
– Du und die Medienpädagogik in der digitalen Krise?

Lizenz: CC-BY 4.0 International, Autor: Matthias Andrasch, Version: 0.1 (Oktober 2016)

tl;dr: Es gab eine Zeit, in der Medienpädagoginnen und Medienpädagogen mit ungefährer Sicherheit Handlungsempfehlungen geben konnten, weil die Konsequenzen und somit die Risiken kalkulierbar waren – diese Zeit ist vorbei. Ich behaupte: Keine Medienpädagogin und kein Medienpädagoge kann Dir ernsthaft und mit gutem Gewissen mehr sagen, was später zu Deinem Vorteil oder Nachteil werden könnte in Bezug auf die Nutzung von heutigen oder zukünftigen Online-Diensten, Apps oder Geräten wie Wearables. Der Grund: Durch Erreichen des Data Breakthrough sind Konsequenzen für Dein Handeln nicht mehr kalkulierbar – nicht für Dich und nicht für die Medienpädagog*innen.

1. Einleitung

„Wieso eigentlich Krise? Und was hat das mit mir zu tun?“ fragst du dich sicher. Die Theorie als auch die Praxis der Medienpädagogik erscheint im Jahr 2016 als robust, relevant und standhaft. Während andere Disziplinen wie die Psychologie mit der Reproduzierbarkeit und Gültigkeit ihrer Ergebnisse hadern und die Welt angeblich stetig vernetzter und komplexer wird, hält sich die Medienpädagogik unbeschadet, auch wegen des thematischen Vorsprungs in Bezug auf digitale Phänomene. Viel mehr noch: Die Relevanz von digitalen Medien im Alltag der Menschen wird immer deutlicher und der Medienpädagogik scheint eine wichtige Rolle in den zukünftigen Jahren zuteil zu werden, denn: Medienkompetenz und Medienbildung wird umso nötiger. Sicher auch für Dich, denn kaum ein Berufszweig kann sich der Digitalisierung scheinbar entziehen.

Also, weiter wie bisher. Und so wiederholt sich das alte, gut funktionierende Spiel der Medienpädagogik: Aufkommende neue Phänomene wie Big Data werden – wie schon in den Jahrzehnten zuvor als Fernseher, DVDs oder Computer Einzug in die Wohnungen und den Alltag der Bürger*innen hielten – aufgegriffen, analysiert und nach Risiken sowie Potenzialen durchleuchtet, die für Dich als Konsument oder Nutzerin entstehen könnten.

Houston, do we really have no problem?

Doch können Phänomene wie Big Data wirklich wie ein neues technisches Gerät, eine neue Software, Dienst oder ein neues Computerspiel behandelt werden? Wurde hier etwas übersehen? Eine wichtige Grenzlinie verpasst, die überschritten wurde? Ein möglicher Durchbruch, der nicht als solcher erschienen ist oder nicht direkt erkennbar war, weil es sich um einen Prozess handelte?
Im folgenden möchte ich den Data Breakthrough zur Diskussion stellen. Ein Durchbruch, der meiner Ansicht nach noch keine bzw. auf jeden Fall nicht ausreichende Beachtung gefunden hat – weder in der Medienpädagogik noch im alltäglichen Leben der Menschen, also vermutlich auch in Deinem Leben.

Anmerkung: Teil I kann bewusst übersprungen werden, wenn Du dich mit der Materie etwas auskennst.

2. Wie es zum Data Breakthrough kam – Teil I.

I. Es gab eine Zeit, in der war Online-Sein ein aktiver Schritt. Ein aktiver Mausklick, der eine Person durch mystische Modem-Geräusche mit dem Internet verbunden hat. Und ein Klick, der die Verbindung wieder trennte. Vielleicht bist du so alt, dass du dich noch daran erinnern kannst.

Diese Zeit ist vorbei. Der Standard-Modus ist online. Offline-Sein ist nunmehr die aktive Entscheidung – heute vielleicht noch nicht, aber sicher in der Zukunft.

II. Es gab eine Zeit, in welcher man bei Kindern oder Jugendlichen relativ einfach und schnell kontrollieren konnte, ob sie gerade im Internet sind oder nicht. Sie mussten dafür nämlich vor einem stationären Gerät sitzen und das Modem bzw. später der heimische DSL-Router fungierte als die allmächtige Kontrollinstanz der Erwachsenen über den Zugang. Alternativen waren nur Bibliotheken oder Internetcafes, in welchen ebenfalls Erwachsene den Zugang kontrollierten und Kinder und Jugendlichen über die Schulter schauen.

Diese Zeit ist vorbei. Mit einem Smartphone oder Tablet können Kinder und Jugendliche überall online sein – selbst ohne Datentarif und nur durch frei zugängliche WLAN-Netzwerke im öffentlichen Raum, z.B. bei McDonalds, H&M oder durch Freifunk. Es gibt keinen Erwachsenen mehr, der ihnen hierbei über die Schulter auf einen großen Bildschirm schauen kann.

III. Es gab eine Zeit, in welcher Updates von Programmen durch Disketten oder CD-Roms aufgespielt wurden und Dateien nur auf dem heimischen Computer gespeichert waren. Neue Programmversionen von Betriebssystemen und Software wie Microsoft Office oder Grafikprogrammen wie Photoshop wurden auf Datenträgern in Geschäften gekauft. Eine Zeit, in der die wichtigsten Anwendungen wie E-Mailprogramm, wichtige Soziale Kommunikationsmöglichkeiten wie ICQ oder MSN und das Office-Programm lokal auf dem Computer installiert waren. Updates waren eine aktive, eigenständige Entscheidung.

Diese Zeit ist vorbei. Kannten wir vor dem Schlafengehen noch alle Funktionen auf Facebook oder Google, so kann nach dem Aufwachen auf einmal alles komplett anders aussehen und funktionieren. Anwendungen wie Office-Programme wandern früher oder später in die Cloud, damit eine bessere Zusammenarbeit in Echtzeit möglich ist. Dort werden die Updates der Funktionen ebenfalls nicht mehr kontrollierbar für die Nutzerinnen und Nutzer. 

Zudem drängen die Anbieter massiv auf das ständige Updaten ihrer Betriebssysteme, Desktop-Programme sowie Apps. Du und alle Nutzer*innen sind dem ständigen und rasanten Update-Zyklus meist ausgeliefert, der sie dafür im Gegenzug mit neuen Funktionen oder Sicherheitsverbesserungen versorgt. Letztere sind dringend nötig.

3. Wie es zum Data Breakthrough kam – Teil II

IV. Es gab eine Zeit, in welcher das Sammeln von Daten über Personen aufwändig, zeitintensiv und schwierig war. Prominente Beispiele sind der Überwachungsapparat der Stasi als auch die Volkszählung 1987 in der BRD, gegen welche sich Widerstand in Form von Bürgerprotesten formierte. Selbst im Internet war das Datensammeln sehr lange nur sehr begrenzt möglich: Webseiten-Anbieter konnten zwar die Anzahl der Besucher*innen, die Bildschirmauflösung, das vermeintliche Herkunftsland und das Betriebssystem ihrer Besucher*innen analysieren, aber sobald Nutzer*innen die Webseite wechselten, endete die Aufzeichnung der Daten. Die Kommunikation verlief hauptsächlich über Text und der Großteil der Menschheit kommunizierte noch nicht über Usenet, E-Mails oder andere Online-Kanäle. Das Aufstehen vom Schreibtisch und somit vom Computer beendete die Möglichkeit, Daten zu sammeln.

Diese Zeit ist vorbei. Ein großer Teil der Weltbevölkerung ist online, kommuniziert über Soziale Netzwerke und tätigt Geschäfte im World Wide Web.  Werbenetzwerke und Anbieter von Online-Diensten können Dich fast über das gesamte Internet hinweg analysieren, z.B. über Tracking-Cookies. Die Kommunikation verläuft weiterhin über Text, aber zudem sind Milliarden an Bildern, Tonaufnahmen und Videos von Menschen hinzugekommen. Soziale Interaktionen werden nun auch online getätigt und sind großflächig analysierbar geworden. Die Datensammlung endet nicht mehr, wenn wir vom Schreibtisch aufstehen und den Computer ausschalten. Sondern sie beginnt dann erst so richtig, wenn Dein Smartphone zum Einsatz kommt und ortsbezogene Daten liefert.
In Zeiten von Big Data, Smart Data oder wie auch immer man es nennen möchte zählen alle Daten, die erhoben werden können, um mehr über die Menschheit zu erfahren – die GPS-Daten vom Smartphone, Biodaten von Fitnessarmbändern, die DNA-Analyse bei Anbietern wie 23andme, Umwelt- und Verkehrssensoren in der Stadt oder ganz simple Dinge wie das tägliche Einkaufsverhalten im Supermarkt. Alles könnte später noch Erkenntnisse oder einen wirtschaftlichen Vorteil bringen, deswegen wird es gesammelt, wenn Unternehmen die Möglichkeiten dazu haben.

V. Und es gab eine Zeit, in der man keine konkreten und detaillierten Beweise für die Massen-Überwachung des gesamten Datenverkehrs im Internet hatte. Nur Vermutungen, dass staatliche Geheimdienste ebenso wie Unternehmen agieren könnten und alles sammeln, was später noch Erkenntnisse liefern könnte und auf was sie sich Zugriff verschaffen können. Mit dem wichtigen Unterschied, dass sich staatliche Dienste einen viel weitreicherenden Zugriff auf viele verschiedene Anbieter von Online-Diensten verschaffen können: Also auch Deine privaten Chats, E-Mails, Deine Fotos in der Dropbox oder auf das Bewegungsprofil bei dem Mobilfunkanbieter.

Diese Zeit ist vorbei. Dank Snowden. Doch was ist seit den Enthüllungen passiert? Es gibt zwar technische Möglichkeiten wie die E-Mailverschlüsselung mit PGP, welche (derzeit) zuverlässig Schutz vor Überwachung bieten können. Auch die Messenger-Dienste rüsten mit Verschlüsselung auf und es gibt viele alternative Programme und Apps, die mehr Schutz bieten. Eine hundertprozentige Sicherheit gegen Überwachung gibt es aber nicht und auch die Nutzung von Programmen wie dem Tor-Browser, der anonymes Surfen ermöglicht, kann Dich bereits in eine Fokusgruppe der Geheimdienste rücken. Hinzu kommen mögliche Hackerattacken auf große Plattformen und Anbieter.

4. Der Data Breakthrough

Diese früheren Zeiten, die ich skizziert habe, liegen nicht lange zurück. Und gerade deshalb besteht meiner Ansicht die Gefahr, die weitreichenden Veränderungen der letzten Jahre zu übersehen: Die Daten haben die Grenze der lokalen Computerfestplatte durchbrochen und auch die Grenze des einzelnen Online-Dienstes – sie sind komplex, werden vielfältig erhoben sowie analysiert, sind Grundlage für viele Entscheidungsprozesse und mit ihnen geht ein Dilemma für das Individuum, also für Dich einher.

Der Data Breakthrough steht in meinen Augen für die bahnbrechende Veränderung, dass vielfältige Daten in komplexen Beziehungen erhoben werden können, die weit über das hinausgehen, was man als „Persönliche Daten“ bezeichnet hat, auf welche mehrere Akteure potenziell Zugriff haben, die zum Teil dynamisch verarbeitet werden und über welche wir als Nutzer*innen die Kontrolle verloren haben – falls wir sie überhaupt mal hatten:

„Wir haben die Kontrolle über unsere Daten verloren. Wir sprechen davon, die Daten würden uns »gehören«, sie seien irgendwie wie »Erdöl«, nämlich knapp, wichtig und wertvoll – aber mit all diesen Metaphern erfassen wir nicht, was wirklich passiert: Daten entstehen in komplexen Beziehungen, an denen meist mehrere Personen und Plattformen beteiligt sind.“
(Philippe Wampfler im Blogbeitrag „Warum ich WhatsApp nicht lösche)

Um ernsthaft darüber nachzudenken, sollten man meiner Ansicht nach gängige Fehlannahmen beachten:

4.1 Daten sind komplex und vielfältig – nicht mehr simple Formularfelder.

Viele Personen stellen sich persönliche Daten vermutlich weiterhin wie ein großer Ordner voller Informationen über eine Person vor, die zentral irgendwo archiviert ist. Daten liegen aber nicht mehr in einem zentralen Ordner, der meinen Namen trägt und nur bei einem Unternehmen oder nur einer staatlichen Stelle liegt. Daten über mich sind über viele Datenbanken von Anbietern im Internet verteilt. Es sind nicht mehr nur einfache Daten wie mein Vorname, Alter oder mein Geburtsdatum, die ich aktiv und selbstbestimmt in ein Online-Formular getippt habe – sondern es können auch Likes sein, die ich von anderen erhalten habe. Personen, die mir folgen auf Sozialen Netzwerken, die mein Profil anklicken oder die generell nach mir im Internet suchen, kurz: Interaktionen, über die ich wenig bis keine Kontrolle habe. Von ganz kleinen Datenpunkten wie der Anmeldung in einem öffentlichen WLAN, der Nutzungshäufigkeit einer Spiele-App, meine Joggingstrecke bis hin zur Herzfrequenz auf dem Fitnessarmband oder meiner DNA, die ich bei einem Online-Anbieter analysieren lasse. Dies sind nur einige Beispiele für die Vielfältigkeit der Datenerhebung.

4.2 Die Datenanalyse und -auswertung durch Algorithmen erfolgt dynamisch und bezieht Interaktionen mit ein.

Die Ergebnisse von Algorithmen sind nicht konstant. In der Auseinandersetzung mit dem Algorithmus wie dem Facebook Newsfeed oder dem Suchmaschinen-Algorithmus von Google drängt sich mir das Gefühl auf, dass Algorithmen von vielen Personen als etwas Feststehendes verstanden werden. Ein Prozedere, was stets dasselbe Ergebnis liefert für eine bestimmte Anfrage wie einen Suchbegriff. Auch wenn die Programmierung der Algorithmen tatsächlich eine Festlegung auf ein bestimmtes Vorgehen ist, so kann das Ergebnis eines Algorithmus sekündlich unterschiedlich ausfallen. Da inzwischen eine Vielzahl an Faktoren einbezogen werden, kann sich auch das Ergebnis ständig ändern. Ein simples Beispiel: Wenn plötzlich mehr Menschen auf das erste Ergebnis auf Google Seite 2 zu einem bestimmten Ergebnis klicken oder diese Seite auf vielen Blogs von Personen verlinkt wird, kann dieses Suchergebnis automatisch nach oben wandern. Kurz gesagt heißt das: Menschen können durch Interaktionen das Ergebnis von Algorithmen ebenso dynamisch beeinflussen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Beim Beispiel von Google ist das aber nur ein möglicher Faktor von über hundert Faktoren, die einbezogen werden für eine Webseite.
Hinzu kommt, dass Algorithmen ständig der Weiterentwicklung von Programmierer*innen unterliegen als auch den Versuchen von Unternehmen oder Personen, die bspw. eine bessere Suchposition auf Google haben wollen und ihre Seite dahingehend optimieren. Oft ist die genaue Funktionsweise von Algorithmen zudem Spekulation, da Unternehmen wie Google, Amazon und Facebook diese aus Wettbewerbsgründen nicht vollständig offen legen.

Mit simplen Ursache-Wirkungs-Erklärungsmustern („Wenn man das eingibt, kommt immer das heraus, weil die Programmierer*innen das so programmiert haben.“) an die Debatte um Algorithmen heranzutreten, erscheint mir vor diesem Hintergrund als wenig zielführend, da das Thema deutlich komplexer ist.

Erschwerend kommt hinzu, dass bei der Thematik Big Data die Korrelation an die Stelle von Kausalität tritt – das Ergebnis von Big Data Algorithmen entzieht sich der alltäglichen, menschlichen Logik vorerst. Sie geben nicht direkt eine Antwort auf das „Warum?“, sondern nur dass der Zusammenhang besteht – der teilweise auch der menschlichen Logik zuerst widerstreben kann wie das Beispiel der frühzeitigen Erkennung von Infektionen bei Frühgeborenen zeigt, bei welcher die Vitaldaten plötzlich stabil werden und dies das Muster für höchste Gefahr ist.

4.3 To be continued: KI, Machine Learning, etc.

Dieser Abschnitt ist für zukünftige Entwicklungen reserviert, die weitere Veränderungen mit sich bringen werden in Bezug auf Daten, deren Auswertungsmöglichkeiten, unser Verständnis davon sowie den Umgang mit ihnen. Schon das Beispiel des Brettspiels Go und der Google-KI AlphaGo zeigt, wie schwer es heute schon ist, die Entscheidungen einer so called Künstlichen Intelligenz bzw. von neuronalen Netzen nachzuvollziehen.

Update: Kommentar von Oliver Tacke auf medium.com – danke!

Da du in die Richtung “Maschinenlernen/künstliche Intelligenz” ja noch weiter denken möchtest (und ich gerne mit, wozu mache ich gerade eine Fortbildung zu dem Thema 🙂 ):

“Oft ist die genaue Funktionsweise von Algorithmen zudem Spekulation, da Unternehmen wie Google, Amazon und Facebook diese aus Wettbewerbsgründen nicht vollständig offen legen”

An diversen Stellen könnten dir Google&Co. sogar ihre Algorithmen präsentieren, und du wärst trotzdem nicht schlauer. Wenn beispielsweise Inhalte oder Personen klassifiziert werden, können dahinter Algorithmen stecken, die man heute dem Maschinenlernen zurechnet. Selbst wenn der Quelltext dafür offengelegt würde, könntest du damit ohne die Parameter zum Einstellen wenig anfangen. Die sind ausschlaggebend dafür, was der Algorithmus ausspuckt.

Nun könnte man natürlich sagen: “Nehmen wir die Parameter halt auch noch mit!” Selbst das hilft nicht zwingend weiter. Bei neuronalen Netzen kannst du die genaue Konfiguration inklusive der Abläufe für die Aktualisierung auf deiner Mikroebene kennen, aber dennoch nicht unbedingt ohne Weiteres vorhersagen, was auf der Makroebene passiert oder nach einem Aktualisierungsschritt passieren wird. Das Herauszufinden muss nicht unmöglich und kann je nach Szenario einfach sein, kann aber ebenso gut einen wirklich erheblichen Aufwand erfordern. Das Schlagwort Emergenz fällt mir hier ein. Du deutest das mit AlphaGo ja auch bereits selbst an.

Kurzum: Die Konsequenzen von Tun oder Unterlassen vorherzusagen, könnte noch schwieriger sein, als du es ohnehin schon beschreibst.

5. Was heißt das für die Medienpädagogik?

Den Data Breakthrough und den damit einhergehenden, eigenen Kontrollverlust anzuerkennen, fällt schwer – vor allem für Medienpädagog*innen.

Es gab eine Zeit, in der Medienpädagoginnen und Medienpädagogen mit ungefährer Sicherheit Handlungsempfehlungen geben konnten, weil die Konsequenzen und somit die Risiken kalkulierbar waren. Sogenannte „Killerspiele“? Wissenschaftlich eher unbedenklich, zumindest ab einem bestimmten Alter. Virtuelle Welten? Solange sozialer Bezug zum lokalen Umfeld bleibt – eher kein Problem. Online-Chats, Communities und Foren? Solange man keine persönlichen Informationen weitergibt und Kinder sich nicht mit fremden Personen verabreden –  auch kein Problem. Videos und Fotos hochladen? Urheber- und Persönlichkeitsrechte beachten, dann passt das schon! Der Tenor in dieser Zeit: Wenn ihr das und das und das beachtet, dann könnt ihr die Potenziale von digitalen Medien ausschöpfen!

Diese Zeit ist vorbei! Sie endete spätestens an dem Punkt, an dem die Auswertung von Online-Daten ein gewinnbringendes Geschäftsmodell wurde bzw. eine der Grundlagen für wirtschaftlichen Erfolg oder generell für automatisierte Entscheidungen. Oder an dem Punkt, als staatliche Geheimdienste begannen, die Internetüberseekabel anzuzapfen. Oder an dem Punkt, an dem persönliche Daten mehr wurden als der Vor- und Nachname einer Person. Kurz: Am Data Breakthrough.

Ich behaupte: Keine Medienpädagogin und kein Medienpädagoge kann dir ernsthaft sagen, was später zu deinem Vorteil oder Nachteil werden könnte. Die Daten, die in der Schule oder Hochschule zu Deiner Lernperformance erfasst werden? Der Job, den du nicht bekommst, weil Du eventuell die falschen Seiten bei Facebook geliked hast? Der Kredit, der Dir wegen einer installierten Schriftart verweigert wird oder wegen der Online-Profile deiner Facebook-Freunde? Die No-Fly-List in Amerika, weil du dich auf den scheinbar falschen Seiten informiert hast oder bestimmte Suchbegriffe bei Google eingegeben hast? Oder bekommst Du gerade wegen einer bestimmten Online-Interaktion einen Job? Solltest Du dein Online-Profil dahingehend optimieren?
Die Liste der Beispiele ist lang. Sowohl die Liste der positiven als auch der negativen als auch – und das ist wichtig – der Beispiele, bei denen es vermutlich gar keine Konsequenzen gibt trotz möglicher Hysterie.
Hinzu kommt: Unternehmen, vor allem Online-Startups werden verkauft, von Dir erhobene Daten gehen ebenso zum neuen Eigentümer oder zur neuen Eigentümerin, welche ganz andere Ziele verfolgen kann, als der Anbieter, dem Du zuvor vertraut hast. Was ist, wenn der Freeletics-App-Anbieter plötzlich von Deiner Krankenkasse aufgekauft wird oder diese Zugang zu den Daten erhält? Und sind es eigentlich wirklich Deine Daten? Wem gehören die Daten, die überhaupt erst mit Hilfe einer App entstehen konnten?

5.1 Sind Medienpädagog*innen noch kompetente Antwortgeber*innen?

Es gibt anscheinend immer mehr gesellschaftliche Fragen im Kontext von Big Data und anderen digitalen Themen – und gleichzeitig wächst scheinbar der Druck auf die Medienpädagog*innen. Die Gesellschaft hat die Relevanz der digitalen Medien nun doch erkannt und verlangt Antworten: „Wir würden gerne einen Elternabend zum sicheren Umgang mit Whatsapp machen, in dem alles erklärt wird“ oder „Eine Schulstunde, die Cybermobbing an unserer Schule beseitigt“ sind solche Anfragen, mit denen Medienpädagog*innen nun konfrontiert werden.
Die Realität ist jedoch: Jedes Infomaterial über Facebook, Google oder Co. kann binnen weniger Stunden überholt sein. Jede Datenschutzänderung bei Whatsapp kann binnen 24 Stunden alles über den Haufen werfen, was gestern noch gültig war. Jede neue App oder jedes neue Update eines Online-Dienstes kann das Spiel komplett auf den Kopf stellen. Einzelne Schulstunden und punktuelle Maßnahmen werden dem wohl kaum gerecht.

Es drängen sich folgende Fragen auf:

  1. Wie kann eine Handlungsempfehlung in solch einer komplexen Umgebung aussehen, in welcher Konsequenzen in den meisten Fällen nicht kalkulierbar sind? Können überhaupt noch ernsthaft und mit gutem Gewissen Handlungsempfehlungen gegeben werden?

    Daran anschließend:
  2. Ist binäres Denken noch zielführend? Braucht es andere Denkweisen, die außerhalb von „gut und böse“, „Potenzialen und Risiken“, „gefährlich oder harmlos“, “vorteilhaft oder nachteilbehaftet“ operieren in der Medienpädagogik? (In diesem Muster  habe ich übrigens fast jede meiner wissenschaftlichen Hausarbeiten zu solchen Themen geschrieben).
  3. Was bringt kritisches Hinterfragen, wenn selbst die vermeintlichen Expert*innen ebenfalls zwischen den Extremen Technikenthusiasmus und Technikangst hin- und hertaumeln?
  4. Kurz gefragt: Sind die Modelle der Medienkompetenz wirklich noch zeitgemäß?
  5. Ist die kritische Dekonstruktion bzw. das kritische Hinterfragen von Online-Diensten, Geschäftsmodellen oder Algorithmen für das Individuum überhaupt noch vollumfänglich möglich, um eine Entscheidungsgrundlage zu haben?
  6. Sollten Medienpädagog*innen noch als allwissende Expert*innen auftreten oder sich bewusst von dieser Anspruchshaltung distanzieren? (Update: Mir geht es hier weniger um das Selbstverständnis von Medienpädagog*innen, sondern eher um das Verständnis der Gesellschaft, die bspw. auf Elternabenden klare [und einfache] Antworten zur Whatsapp-Nutzung oder generell zur Mediennutzung erwartet von einem bzw. einer „Expertin“.)  Sind sie eher Struktur-Expert*innen, die mediale Phänomene interdisziplinär diskutieren können, kritische Fragen aufwerfen und educated guesses über Geschäftsmodelle anstellen können? Oder sind sie etwas ganz anderes im Jahr 2016 und in der Zukunft?
  7. Verweigern wir auf Grund kleiner Gruppen Zugang zu kollaborativen und kreativen Werkzeugen wie z.B. dem Dienst Google Docs, so wie es Philippe Wampfler für die Schweiz diagnostiziert hat? Ist Datenschutz an Schulen oder Hochschulen Symbolpolitik, wenn auf dem Smartphone und überall sonst massig Daten erhoben und genutzt werden?
  8. Sollten Medienpädagoginnen und Medienpädagogen mehr Fragen stellen, als Antworten geben – so wie es Anselm Sellen erst kürzlich im Kontext der Politischen Bildung und Webvideos vorgeschlagen hat?

Und die spannendste aller Fragen:

6. Was heißt das für Dich?

Den Data Breakthrough und den damit einhergehenden, eigenen Kontrollverlust anzuerkennen, fällt schwer. Er passt nicht zum Weltbild des selbstbestimmten Menschen, welcher aktiv und selbstständig alle Entscheidungen trifft und die Konsequenzen dafür trägt. Wie sollst Du Konsequenzen für eine Entscheidung tragen, welcher Du Dir gar nicht bewusst warst? Oder wie sollst du entscheiden, wenn es fast unmöglich ist, die Konsequenzen tatsächlich zu kalkulieren?

Eines ist zumindest sicher: Ein kompletter Verzicht auf Datenerhebung und -analyse würde bedeuten, dass kein wissenschaftlicher als auch technischer Fortschritt mehr möglich wäre. Ein Zurück in die Zeit vor dem Data Breakthrough ist global wohl kaum realisierbar. Die Daten sind da draußen. Und auch Du als Individuum wirst es schwer haben, Dich dem zu entziehen, wenn du die Vorzüge der modernen Welt nutzen möchtest.

Also – ganz gleich, ob Du Dich als Medienpädagog*in bezeichnest oder nicht – wie denkst Du darüber? Wie verhältst Du Dich?

Der Text steht unter der freien Lizenz Creative Commons BY 4.0 und kann gerne abgedruckt, auf anderen Blogs veröffentlicht oder für multimediale Produkte jeglicher Art genutzt werden – sowohl für kommerzielle als auch für nichtkommerzielle Zwecke. Bedingung ist die Namensnennung des Autors. 


Ich freue mich sehr über Feedback und Kritik!

Der Text entstand im Nachgang des sehr spannenden und inspirierenden Medienpädagogik Praxisblog Barcamps in Mainz (#mppb10) und wurde erstmals auf dem Educamp in Hattingen (#echat16) im Oktober 2016 vorgestellt und diskutiert. Danke an alle Teilgeber*innen!

 

  • Update 28.01.2016: Der Einleitungstext im Blogbeitrag wurde angepasst.
  • Update 28.11.2016: Der Beitrag wurde auf Jörans Blog geteilt und mit einem Whatsapp-Praxisbeispiel ergänzt: Keine Daten verraten viel über dich. Weiterhin habe ich einen wichtigen Kommentar von Oliver Tacke zum Thema Machine Learning eingefügt.
  • Update 28.10.2016: Neuer kleiner Folge-Artikel mit der Suche nach neuen Bildern für Big Data
  • Update 10.10.2016: Auf Facebook kamen einige Antworten auf meinen Beitrag. Auch die Diskussion beim Educamp Hattingen 2016 war sehr spannend für mich, in 45 Minuten allerdings natürlich viel zu kurz, um das ausführlich debattieren.

Empfehlungen zur Vertiefung, auf denen dieser Artikel u.a. auch basiert: